{"id":534,"date":"2023-03-06T14:28:37","date_gmt":"2023-03-06T13:28:37","guid":{"rendered":"http:\/\/aspienaut.de\/?p=534"},"modified":"2023-03-06T19:03:07","modified_gmt":"2023-03-06T18:03:07","slug":"bin-ich-ein-versager","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aspienaut.de\/?p=534","title":{"rendered":"Bin ich ein Versager?"},"content":{"rendered":"\n<p>2018 bin ich in ein anderes Bundesland gezogen, um endlich meinen Traum zu erf\u00fcllen: STUDIEREN. Davor machte ich im zweiten Bildungsweg extra f\u00fcr diesen Traum das Abi als Jahrgangsbester in 10 Monaten nach, nachdem ich unmittelbar zuvor meine Ausbildung als Jahrgangsbester nach nur 22 Monaten abschloss. Ich war zwar ein Sp\u00e4tz\u00fcnder, aber zugleich ein \u00dcberflieger und getragen von dieser Motivation und Euphorie sollte ich mit 33 endlich Student sein; hatte meine erste eigene Wohnung, war zum ersten Mal allein dauerhaft in einer fremden Stadt, konnte zum ersten Mal erleben, was es hei\u00dft, erwachsen zu sein. Kurz zuvor war meine erste Beziehung nach fast 6 Jahren in die Br\u00fcche gegangen. Dies bedeutete f\u00fcr mich ein weiterer Faktor, mein altes Leben hinter mich zu lassen und komplett neu anzufangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich zog aus dem Ruhrgebiet nach Osnabr\u00fcck, um zu studieren, um Abschl\u00fcsse zu machen, endlich das zu machen, wof\u00fcr ich laut meiner \u00dcberzeugung durch meinen IQ bestimmt sei. Hatte in euphoriegeschw\u00e4ngerten Anfl\u00fcgen sogar mal das Ziel, vielleicht irgendwann zu promovieren  \u2013 mindestens aber den Master, wollte Gro\u00dfes erreichen, wollte eine neue Beziehung finden, neue Freunde finden, beruflich neu durchstarten, mich nebenberuflich in der Selbstst\u00e4ndigkeit etablieren, langfristig eine Familie gr\u00fcnden. Kurzum: mein Leben komplett neustarten. <br>Ich hatte Ziele, war motiviert, wollte mit Anfang 30 mein Leben endlich auf die Reihe bekommen; Ziele vor Augen haben, die es zu verfolgen lohnt. Im Zuge dessen begab ich mich ein halbes nach Jahr meinem Umzug und Beginn des Studiums in Autismustherapie, um mich mental zu st\u00e4rken, meinen Alltag zu strukturieren, Strategien zu lernen und um nicht erneut im Leben zu scheitern.<\/p>\n\n\n\n<p>Mittlerweile sind 4 1\/2 Jahre vergangen. Ich werde dieses Jahr 38 und von meinen Pl\u00e4nen, die mich 2018 so befl\u00fcgelten, erreichte ich in Osnabr\u00fcck nichts. Ich blicke auf 9 Semester eines Studiums zur\u00fcck, das mich an allem zweifeln lie\u00df, was mich bis dato antrieb, was mich motivierte, was mich ausmachte, was ich in den Jahren davor erreichte, wonach ich strebte. Konsequentes Versagen, konsequente Erfolglosigkeit. Meine letzte Pr\u00fcfung schrieb ich im Januar 2021, seit dem ist nichts in meinem Leben hier in Osnabr\u00fcck passiert, was positiv zu erw\u00e4hnen sei. Der hochgelobte Neuanfang driftete f\u00fcr mich immer mehr in das pers\u00f6nliche Versagen ab, mein Exil war fortan immer mehr mit meinem Scheitern assoziiert. Das Scheitern, die Einsamkeit und die Unf\u00e4higkeit sozialen Anschluss im Studium zu finden, trieb mich in Depressionen, wie ich ich sie wenige Jahre zuvor noch \u00fcberwunden glaubte. Die ganze Situation steigerte sich immer mehr ins unermessliche Abseits und so waren die letzten Jahre \u00fcberwiegend gepr\u00e4gt von Selbsthass, Suizidgedanken und auch Versuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einem Jahr verbrachte ich schlie\u00dflich 3 Monate in einer psychiatrischen Klinik, in der Hoffnung nochmal die Energie zu finden, die mich 2018 antrieb, mein Leben erneut neu zu starten und von dem bohrenden Gedanken, meinem Leben ein Ende zu setzen, loszukommen. Leider \u00fcberwiegend vergebens. Die Phasen, die zuvor Tiefpunkte meines Lebens ausmachten, geh\u00f6rten auch nach dem Klinikaufenthalt zum Alltag. Mittlerweile liege ich die meiste Zeit im Bett, verwahrlose phasenweise in meiner Wohnung, schaffe es sehr oft nicht einmal, einzukaufen oder f\u00fcr ad\u00e4quate Nahrungsaufnahme zu sorgen und verlasse sehr oft nur an 2 Tagen in der Woche f\u00fcr 5 1\/2 Stunden f\u00fcr meinen Minijob das Haus. Ausnahmen sind eher selten. Abwechslung habe ich nur, wenn ich in der Heimat bin und dort zumindest kurzzeitig abschalten und die Qualen vergessen kann \u2013 bis der Teufelskreis montags erneut losgeht, ich wieder ins Exil fahre, um Dienstag 5 Stunden im Minijob zu arbeiten. Die Zeit bis Samstag vegetiere ich meist wieder dahin, um Samstag erneut 5 Stunden zu arbeiten, um dann wieder f\u00fcr 2 Tage in die Heimat zu fahren. Im Zuge der Autismustherapie kam ich vor 2 Jahren mit einer pers\u00f6nlichen Assistenz in Kontakt, um meinen Alltag besser zu bew\u00e4ltigen. Diese wurde sogar bewilligt, doch schaffte ich es nicht, diesen Dienst anzunehmen, da ich mich in Grund und Boden sch\u00e4mte, mir meine Unf\u00e4higkeit vor Augen halten zu m\u00fcssen. Ich lie\u00df mich nie drauf ein und ignorierte jegliche Kontaktaufnahmen seitens des Dienstes. <\/p>\n\n\n\n<p>Heute sollte das neue Semester beginnen, der gestrige Besuch auf dem Campus gab mir doch etwas Freude, mich einem erneuten Neustart zu widmen und das Studium wieder aufzunehmen. Ich ging jedoch nicht hin. Ich muss mir vor Augen halten, dass ich nach 9 Semestern lediglich 25% des Bachelors erreicht habe \u2013 mit Noten, wie ich sie von mir nicht kenne, f\u00fcr die ich mich eigentlich sch\u00e4men sollte.. Dazu die Angst vor Baf\u00f6gschulden, bei denen ich nicht wei\u00df, wie ich sie jemals im Leben abbezahlen soll, da ich selbst mit einem Minijob schon v\u00f6llig \u00fcberfordert bin. Zudem kommen ab dem 15. Semester Langzeitgeb\u00fchren hinzu, die ich nicht bezahlen kann. Nach dem Wegfall des Baf\u00f6gbezuges lebe ich seit August des letzten Jahres von einem Minijob, der lediglich meine Miete deckt. Der Rest wird aus zusehends schwindenden Ersparnissen bezahlt, die nicht mehr all zu lang reichen. Aufgrund meiner Situation bin ich nicht f\u00e4hig mich autark zu finanzieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Die mittlerweile diagnostizierte rezidivierende Depression macht den Alltag f\u00fcr mich \u2013 zus\u00e4tzlich zu meinen sozialen Einschr\u00e4nkungen durch den Autismus \u2013 unertr\u00e4glich und schr\u00e4nkt mich in meiner Leistungsf\u00e4higkeit massiv ein &#8211; trotz Medikation. Meine ganze Situation ist der Anfang vom Ende und zum Scheitern verurteilt. Selbst wenn ich nun psychisch dazu f\u00e4hig w\u00e4re, das Studium nochmal in Angriff zu nehmen, w\u00fcrde es mich in den finanziellen Ruin treiben, da ich keine Ahnung habe, wie ich Studium und Arbeit miteinander vereinbaren kann. Selbst die 11 Stunden pro Woche im Minijob bringen mich mittlerweile an meine absolute Belastungsgrenze, dass ich zus\u00e4tzlich nicht einmal Energie f\u00fcrs Studium aufbringen k\u00f6nnte. <\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch bin ich immer noch der \u00dcberzeugung, dass ich ohne akademischen Abschluss ein Mensch zweiter Klasse bin \u2013 erst recht, nachdem ich fast ein Jahrzehnt meines Lebens ohne Ausbildung, mit einem schlechten Realschulabschluss regelrecht dahinsiechte und nichts erreichte, Menschen mich als Versager abstempelten, mir keine Hoffnung auf eine sinnvolle Zukunft machten. Nur deswegen habe ich das Abi nachgemacht, nur deswegen darauf seit 2017 hingearbeitet, doch etwas aus meinem Leben zu machen. Ich wollte mir etwas beweisen, ich wollte anderen etwas beweisen. Ich bin intelligent genug, um jeden Abschluss zu erreichen, doch ich kann es nicht, weil das Umfeld mich krank gemacht hat. F\u00fcr Menschen wie mich ist in einem Studium, das nur auf wirtschaftliche Erfolge im sp\u00e4teren Berufsleben abzielt, kein Platz. Mir das Scheitern einzugestehen kommt einer Resignation gleich, mit der ich mein Leben wegwerfe, mich selbst ausrangiere. Mit dem Zugest\u00e4ndnis des Scheiterns hat mein Leben f\u00fcr mich an Relevanz verloren und w\u00e4re nichts mehr wert. Dieses scheitern w\u00fcrde mich bis an mein Lebensende negative pr\u00e4gen. <\/p>\n\n\n\n<p>Selbst ein Klinikaufenthalt kommt nicht mehr in Frage, da die Krankenkasse bei Studenten kein Krankengeld zahlt und ich sp\u00e4testens nach 6 Wochen auf dem Trockenen s\u00e4\u00dfe, nichtmal meine Lebenshaltungskosten zahlen k\u00f6nnte. 6 Wochen w\u00e4ren viel zu kurz, um irgendetwas Produktives zu erzielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht weiter. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2018 bin ich in ein anderes Bundesland gezogen, um endlich meinen Traum zu erf\u00fcllen: STUDIEREN. 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