{"id":584,"date":"2023-11-25T22:32:22","date_gmt":"2023-11-25T21:32:22","guid":{"rendered":"https:\/\/aspienaut.de\/?p=584"},"modified":"2023-11-25T22:52:37","modified_gmt":"2023-11-25T21:52:37","slug":"autismus-und-socialmedia-ambivalenzen-und-staendige-trigger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aspienaut.de\/?p=584","title":{"rendered":"Autismus und Socialmedia: Ambivalenzen und st\u00e4ndige Trigger"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich muss gestehen, dass Socialmedia f\u00fcr mich immer DER R\u00fcckzugsort war, wenn das Reallife mich \u00fcberforderte, wenn die menschliche Interaktion, die face-to-face Kommunikation mich \u00fcberreizte und es mir nicht mehr m\u00f6glich war, die Handlungen des Gegen\u00fcbers zu verstehen oder ich generell in Phasen war, in denen ich jedweden sozialen Kontakt generell vermied.<\/p>\n\n\n\n<p>Socialmedia war f\u00fcr mich immer ein Ort der Stille, in den ich hinabtauchen konnte, wenn die Welt da drau\u00dfen mich \u00fcberforderte. Die Interaktion fand statt, ohne dr\u00fcber nachdenken zu m\u00fcssen, wie ich auf andere wirke, ohne dass ich mir selbst gro\u00dfartige Gedanken um das Handeln anderer Personen oder meiner Interaktionspartner machen musste. Kurzum es funktionierte und brachte mir den Funken Normalit\u00e4t, den ich mir so oft im sozialen Umgang im Reallife auch w\u00fcnschte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser Haltung stehe ich auch heute noch dem Thema Socialmedia gegen\u00fcber und bin daher ein intensiver Nutzer vieler Dienste. Doch merke ich, dass sich die Dinge grundlegend \u00e4nderten. Ist es mein Anspruch an die virtuelle Kommunikation als solche oder hat sich die Kommunikation und Interaktion im Netz einfach so sehr ver\u00e4ndert, dass ich sie nicht mehr verstehe?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss dazu sagen, dass ich in Sachen Socialmedia schon fast ein Dinosaurier bin und das Netz als intensives Kommunikationsmedium nutzte, weit bevor es Socialmedia, wie wir es heute kennen, gab. Vor zwanzig Jahren nutzte ich exzessiv ICQ und IRC und liebte es damals, Menschen virtuell kennenzulernen &#8211; etwas, das mir im echten Leben fernab des Internets nie gelang, wonach ich mich jedoch immer sehr sehnte, mir jedoch verwehrt blieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Damals war die Userschaft im Netz noch etwas spezieller. Vor allem auf Plattformen (auch wenn Plattform hier technisch nicht korrekt ist, bleibe ich der Einfachheit bei diesem Begriff), wie dem IRC traf man eher auf Nerds und technikaffine Freaks, Gamer und Menschen wie mich, die ihre sozialen Einschr\u00e4nkungen im Offlineleben durch ihre Aktivit\u00e4ten im Netz erfolgreich kompensieren konnten und somit das Internet als einziges Ventil zur sozialen Au\u00dfenwelt nutzten, weil sie dort normal sein konnten. Es bildeten sich eingeschworene Gruppen, aus denen gar Freundschaften hervorgingen, die sp\u00e4ter teils sogar in die Offlinewelt \u00fcbergingen, Menschen mit denen man Interessen teilte und gemeinsamen Freizeitaktivit\u00e4ten nachging; Menschen, die man wahrscheinlich ohne das Medium Internet nie kennengelernt h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ganze zog sich hin bis die ersten Socialmedia- und Web 2.0- Angebote auftauchten (aus diesem Grunde <s>bin <\/s>war ich \u00fcbrigens seit 2007 Twitternutzer). Die Interaktion war einfach eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Sogar f\u00fcr mich war es etwas, \u00fcber das ich nicht gro\u00df nachdenken musste, das mir einfach gelang. Man kam in Kontakt, wurde respektiert und akzeptiert. Aus dieser Zeit nehme ich die einzigen, wenigen Erfahrungen mit, in denen mir das Kennenlernen von fremden Menschen leicht fiel, sogar Freude bereitete &#8211; weil es eben nur rein online stattfand und der Umgangston, das komplette Gebaren im Netz, noch ganz anders war.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute f\u00fchle ich mich wie jemand, der aus einer anderen Zeit kommt, jemand der aus einem Koma erwachte und die Gegenwart nicht mehr versteht, jemand, sich auf Portalen\/Apps anmeldet und mit der selben Attit\u00fcde an die Sache herangeht, die vor 15-20 Jahren f\u00fcr mich erfolgreich war. F\u00fcr mich ist Socialmedia (stellvertretend f\u00fcr Kommunikation\/Interaktion und dem Kennenlernen von Gleichgesinnten \u00fcbers Netz im Allgemeinen) immer noch dieses leichtg\u00e4ngige Etwas, das schon fast sentimentale Erinnerungen und Sehns\u00fcchte in mir weckt, ich w\u00fcnsche es mir zumindest, aber die Realit\u00e4t sieht mittlerweile anders aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Socialmedia hat f\u00fcr mich l\u00e4ngst nicht mehr den Charakter eines sicheren R\u00fcckzugsortes, in dem auch ein sozial v\u00f6llig verkr\u00fcppelter Autist funktionieren kann und anerkannt wird, in dem man eintauchte und irgendwie mit v\u00f6llig fremden Menschen sowas wie eine Freundschaft aufbaute, im Gegenteil: Socialmedia ist f\u00fcr mich heute einer der gr\u00f6\u00dften Trigger mit einer Tragweite, die weit in meinen Alltag hineinreicht. Subjektiv assoziiere ich Socialmedia heute eher mit negativen Worten und Erfahrungen wie: Egoismus, Narzissmus, Neid, Missgunst, Ignoranz, Konkurrenzdenken, L\u00fcgen, Stutenbissigkeit, \u00dcberreizung, Anschuldigungen, Oberfl\u00e4chlichkeit und anderen Dingen, die Energie rauben.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Okay..<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich wollte ich nur meine Gedanken zum Thema Instagramgepflogenheiten aus der Sicht eines Autisten loswerden und nun sinniere ich hier v\u00f6llig abgedriftet \u00fcber s\u00e4mtliche Trigger, die mich an Socialmedia st\u00f6ren. Angefangen hat alles, weil ich mich nicht komplett auf diesen Text konzentrierte, sondern nebenbei (mal wieder) einen Shitstorm auf Facebook losgetrieben habe. Das w\u00e4re nun wieder ein Thema f\u00fcr einen anderen Artikel, daher m\u00f6chte ich da nun auch nicht weiter drauf eingehen, sonst steigere ich mich zu sehr hinein und der Tag endet wieder mit schlechter Laune. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich versuche, den Faden wieder zu finden..<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich \u00f6ffne meine Apps und rege mich auf. Egal ob \u00fcber User, den Diensten als solche, deren Algorithmen, Inhalte, die User bereitstellen. Ich rege mich oftmals so sehr auf, dass ich diese Wut in meinen Alltag hineinbringe und alles Unmittelbare aus dem Gleichgewicht ger\u00e4t. V\u00f6llig egal, ob einer der oben genannten Trigger ausschlaggebend war oder ob es einfach das Unverst\u00e4ndnis ist, das das (wom\u00f6glich nicht einmal bewusste) Verhalten anderer bei mir provoziert. <\/p>\n\n\n\n<p>Akut sind es wieder einmal diverse Gepflogenheiten auf Instagram und Facebook, die bei mir Unverst\u00e4ndnis hervorrufen, die mich dazu bringen, \u00fcberhaupt einen solchen Text zu schreiben. Was mir als ambitionierter Hobbyfotograf mit hohen Ma\u00dfst\u00e4ben an seinen eigenen Output immer wieder auff\u00e4llt ist, dass oftmals nur die Werke Aufmerksamkeit erhalten, deren Urheber am lautesten schreien &#8211; ungeachtet der Qualit\u00e4t der Beitr\u00e4ge. In vielen Fotogruppen oder auf Instagram werden technisch v\u00f6llig inad\u00e4quate Bilder hochgelobt, w\u00e4hrend wirklich technisch perfekte Aufnahmen untergehen. Ich spreche selten von Perfektion, da ich alles bin, nur nicht perfekt. Allerdings beziehe ich mich nur auf die handwerklichen Aspekte, deren Ausf\u00fchrung man tats\u00e4chlich objektiv bewerten kann. Ich w\u00fcrde mir nicht anma\u00dfen, Punkte als perfekt zu bezeichnen, die der subjektiven Wahrnehmung unterliegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings ist mir auch bewusst, dass die Reichweite k\u00fcnstlich durch Algorithmen gesteuert werden und vieles einfach im \u00c4ther untergeht. Es herrscht einfach ein \u00dcberschuss an Inhalten im Netz. Doch genau dies ist wieder ein Punkt, der mich jedes Mal aufs Neue besch\u00e4ftigt. Mittlerweile versuche ich dem Algorithmus ein Schnippchen zu schlagen und sorge selbst daf\u00fcr, dass man mich sieht, in dem ich eifrig kommentiere und einiges an Zeit investiere, um Interaktion mit anderen Usern zu gestalten, um KONTAKTE ZU KN\u00dcPFEN. Doch wof\u00fcr das ganze? Und jetzt kommt etwas, was ich wirklich schade finde: F\u00fcr nichts. Es scheint viele User nicht zu interessieren ob man ihnen folgt, ihre Beitr\u00e4ge kommentiert, mit ihnen Interagiert. Man wird einfach ignoriert. Ein Ph\u00e4nomen, das allerdings in der Bubble der Fotografieanh\u00e4ngern h\u00e4ufig vorkommt. Man ist zwar gut darin, Lob zu kassieren, will aber selten selbst aktiv werden und Feedback austeilen oder Beitr\u00e4ge zu liken &#8211; es k\u00f6nnten ja mehr likes sein als man selber hat. Folgen? Auch ein hei\u00dfes Thema. Trotz identischer Themenbubble und \u00e4hnlicher Beitr\u00e4ge, scheint man sich einen Zacken aus der Krone zu brechen, wenn man auf &#8220;Auch folgen&#8221; clickt. Socialmedia besteht mittlerweile scheinbar nur noch aus oberfl\u00e4chlichen Narzissten, Egomanen und Nichtg\u00f6nnern. Gerade die Bubble der Hobbyfotografen ist voll von solchen Subjekten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich messe hier wahrscheinlich mit falschen Ma\u00dfst\u00e4ben, n\u00e4mlich mit meinen. Wenn mir neue Leute folgen (egal auf welcher Plattform), freue ich mich, sehe mir ihre Profile an, hinterlasse Kommentare und Interaktionen und folge ihnen zur\u00fcck, wenn ich merke, dass da gegenseitiges Interesse an den Beitr\u00e4gen besteht. Leider erwarte ich zu h\u00e4ufig, dass Menschen so uneigenn\u00fctzig denken und handeln, wie ich es mache, doch damit grabe ich mir jedes Mal ein neues Fettn\u00e4pfchen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich mag nicht \u00fcber die Gr\u00fcnde dieser Empfindung urteilen, da ich nur vermuten kann, weshalb die Dinge im Bezug auf meine eigene Interneterfahrung (OMG, ich schreibe dieses Wort wirklich!) mittlerweile so v\u00f6llig anders sind im Vergleich zu fr\u00fcher. Folgend nun drei Thesen:<\/p>\n\n\n\n<ul>\n<li>es liegt an mir, da ich mich ge\u00e4ndert habe mit einer falschen Erwartungshaltung an die Sache heran gehe und nicht mehr mit den heutigen Standards der Kommunikation mithalten kann. Ich habe zu hohe Anspr\u00fcche und Erwartungen, meine eigene Reizschwelle ist mittlerweile gesunken<\/li>\n\n\n\n<li>es liegt daran, dass das Internet l\u00e4ngst nicht mehr der Treffpunkt der Geeks und Nerds ist, sondern die Normalos die breite Masse stellen. Eben jene, mit denen ich damals schon nicht klar kam. <\/li>\n\n\n\n<li>Die Sozialkompetenz ist bei den heutigen Usern einfach noch mangelhafter<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Auf diese Thesen m\u00f6chte ich nun nicht im Detail eingehen. Es handelt sich um Erkl\u00e4rungsversuche, die ich f\u00fcr mich selbst zurechtgelegt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Um Missverst\u00e4ndnisse aus dem Weg zu r\u00e4umen: Ich will einfach nur Kontakt zu Gleichgesinnten aufbauen, mit denen man offenbar Interessen teilt, um sich auszutauschen und zu fachsimpeln. Mir ist es tats\u00e4chlich egal, wieviele Likes oder Follower ich habe, doch es st\u00f6rt mich diese Gleichg\u00fcltigkeit, diese Ignoranz. Es vermittelt mir das Gef\u00fchl, dass ich mittlerweile selbst im Netz zu Unf\u00e4hig bin, Kontakte zu kn\u00fcpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und da beginnt der Teufelskreis: Entmutigt durch oben genannte Situationen betrachte ich Socialmedia mittlerweile voller Verbitterung, habe oftmals gar keine Kraft, mich mit anderen Dingen au\u00dfer meinen eigenen Posts auseinanderzusetzen. Das bekommen dann die wenigen Leute zu sp\u00fcren, die tats\u00e4chlich mit mir kommunizieren wollen. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier komme ich n\u00e4mlich zu der im Titel erw\u00e4hnten Ambivalenz. Auf der einen Seite w\u00fcnsche ich mir Kontakte zu anderen Menschen, m\u00f6chte Kontakte kn\u00fcpfen, wie ich es vor 15-20 Jahren im Netz machte, auf der anderen Seite bin ich durch diese vielen  Punkte, die ich im Text ansprach, v\u00f6llig \u00fcberreizt und kraftlos, um \u00fcberhaupt Kontakte zu pflegen. Das bekommen alte Freunde von mir gleicherma\u00dfen zu sp\u00fcren, wie langj\u00e4hrige Onlinekontakte, die mir zum Geburtstag gratulierten, die mir ausf\u00fchrliche Nachrichten schreiben, die sich generell oft melden und von mir eiskalt ignoriert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es tut mir leid, ich w\u00fcnschte mir, ich k\u00f6nnte die Kraft aufbringen, mich um all diese Kontakte zu k\u00fcmmern, aber es gelingt mir schon seit Monaten nicht. Immer noch ruhen unbeantwortete Geburstagsgl\u00fcckw\u00fcnsche von Mitte September im Posteingang. Egal auf welcher Plattform: Ich habe einen massiven R\u00fcckstau im Beantworten von Nachrichten und befasse mich stattdessen damit, von Leuten beachtet zu werden, denen es v\u00f6llig gleichg\u00fcltig ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Das wiederum mag widerspr\u00fcchlich klingen, zumal ich sehr aktiv bin und nahezu t\u00e4glich Beitr\u00e4ge verfasse. Das Posten ist f\u00fcr mich immer noch ein Ventil, aber eben eine Einbahnstra\u00dfe. Sobald es zur tieferen Kommunikation kommt, schalte ich aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir fehlen langsam die Worte, daher komme ich nun zur Quintessenz meiner Gedanken. Plakativ ausgedr\u00fcckt: Socialmedia ist autistenfeindlich. Zumindest f\u00fcr jene, die Socialmedia so nutzen, wie ich es mache und tats\u00e4chlich den Fokus auf &#8220;Social&#8221; legen. Ich bin zwar wegen meiner sozialen Defizite stark eingeschr\u00e4nkt und habe allein daf\u00fcr meinen GdB 60, doch schaffte ich es immerhin fr\u00fcher, im Netz normal unterwegs zu sein, ohne dass es mich nachhaltig belastet. Und das belastet.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich bin ich mir im Klaren dar\u00fcber, dass nur ich das Problem l\u00f6sen kann. Ich muss &#8220;dr\u00fcber stehen&#8221;, dem Thema Socialmedia keine so hohe Priorit\u00e4t einr\u00e4umen, aber es ist nunmal mehr. Die Inhalte, die ich poste, sind ein Teil von mir und meinen Spezialinteressen. 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