{"id":61,"date":"2017-10-09T21:50:26","date_gmt":"2017-10-09T19:50:26","guid":{"rendered":"http:\/\/aspienaut.de\/?p=61"},"modified":"2017-10-24T15:02:57","modified_gmt":"2017-10-24T13:02:57","slug":"kennst-du-einen-autisten-kennst-du-einen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aspienaut.de\/?p=61","title":{"rendered":"kennst Du einen Autisten, kennst Du einen.."},"content":{"rendered":"<p><strong>Der geneigte Au\u00dfenstehende tendiert in vielen Belangen oftmals zum Pauschalisieren. Besonders bei Situationen, die er nicht mit seinem Weltbild vereinbaren kann, wird zum Schubladendenken gegriffen, um das Erlebte in vorgefertigten Ablagen &#8211; mitunter v\u00f6llig falsch &#8211; zu archivieren. Das Thema Autismus ist ein solches Thema, das zwar mittlerweile durch mediale Pr\u00e4senz eine gewisse oberfl\u00e4chliche Aufmerksamkeit in der breiten Bev\u00f6lkerung genie\u00dft, aber eben nicht akut genug ist, um diese oberfl\u00e4chliche Aufmerksamkeit in ein tiefgr\u00fcndiges Interesse zu wandeln.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>In solchen F\u00e4llen kommt leider ein ma\u00dfgebendes Ph\u00e4nomen hinzu, das aus just diesem oberfl\u00e4chlichen Ankratzen eines komplexen Themas hervorgeht: Halbwissen in Verbindung mit pr\u00e4gnanten Informationen, die irgendwie in den Synapsen h\u00e4ngengeblieben sind. Getreu dem Motto: &#8220;viel Meinung, wenig Ahnung&#8221;, die Ursuppe der perfekten Pauschalisierung. Ein Fauxpas bei einem hochsensiblen Thema, wie Autismus.<\/p>\n<p>Als Betroffener kann man sich immer wieder mit der Ignoranz und dem Desinteresse vieler Menschen auseinandersetzen. Es f\u00e4ngt an bei Verhaltensweisen, die zwar typisch f\u00fcr einen Asperger sind, jedoch oftmals als arrogantes Gehabe interpretiert werden. Man bittet grunds\u00e4tzlich nicht um einen Nachteilsausgleich, der eben den Zweck erf\u00fcllen soll, Defizite so zu kompensieren, dass man durch seine Behinderung nicht unn\u00f6tig leiden muss, sondern um die eine Extrawurst, die einem das Recht gibt, sich f\u00fcr etwas Besseres zu halten, um auf den P\u00f6bel hinabzublicken.<\/p>\n<p>Warum sollte man bei der Planung einer Klassenfahrt auch die Frage nach einem Einzelzimmer \u00e4u\u00dfern wollen, wenn ansonsten nur Gruppenzimmer mit einer Handvoll Betten angeboten werden? Warum sollte man die Pausen lieber allein im Auto verbringen, statt mit den Kollegen zu sprechen? Warum sollte man sich bei gemeinsamer Gruppenarbeit zur\u00fcckziehen und die Aufgabenstellung allein erledigen und dabei den Verweis &#8220;Arbeitsverweigerung&#8221; in Kauf nehmen? Warum sollte man mehr Zeit f\u00fcr sich brauchen, als andere?<\/p>\n<p>Autismus ist nicht gleich Autismus. Das konservative Bild eines autistischen Menschen ist immer noch der <em>Schwerbehinderte<\/em>, der weder reden kann, noch \u00fcber entsprechend kognitive F\u00e4higkeiten verf\u00fcgt, um sich beispielsweise der allt\u00e4glichen Morgentoilette hinzugeben. Im besten Falle kommen noch Spastizit\u00e4ten und Inkontinenz hinzu und das Klischeebild des Paradeautisten ist komplett. Was hier grob thematisiert wird, w\u00fcrde der Form des sogenannten Fr\u00fchkindlichen Autismus oder auch Kanner-Autismus entsprechen. Eine Form die in allen Belangen in die Extreme geht &#8211; aber selbst dort \u00e4u\u00dferst facettenreich auftritt. Aber sind es nunmal die Extreme, die sich irgendwie in den K\u00f6pfen manifestieren. 9\/11 ist omnipr\u00e4sent, wer denkt da schon noch an den Autounfall mit zwei Toten auf der Autobahn XYZ, vor X Jahren?<\/p>\n<h3>Autismus ist tot, es lebe Autismus.<\/h3>\n<p>Das konservative Bild des Paradeautisten wurde weitl\u00e4ufig sp\u00e4testens seit <em>the Big Bang Theory<\/em> durch die Figur des <em>Sheldon Cooper<\/em> reformiert, der sich als hochintelligenter, schrulliger Soziopath vielen Klischees des Asperger-Autismus bedient. Wer keinen Bezug zum Thema &#8220;Asperger-Autismus&#8221; hat, aber was auf sich h\u00e4lt, nimmt sich mittlerweile Sheldon Cooper als den Inbegriff des Musterautisten. Ein Autist, der so gar nicht dem altbackenen Bild dieser &#8220;Krankheit&#8221; entspricht? Genau! Der moderne Autist von heute agiert konspirativ wie ein Geheimagent. Man sieht ihm seine Behinderung gar nicht an!<\/p>\n<p>S\u00e4tze wie &#8220;Aber sie wirken doch gar nicht autistisch&#8221; kennt sicher jeder Asperger-Autist. Meist kommen sie von eben jenen, die ihr Klischeebild des Paradeautisten vom schwerbehinderten Pflegefall zum hyperintelligenten Einsteinverschnitt oder gar Rainman 2.0 upgradeten, aber letzendlich nicht den blassesten Schimmer haben, was sich hinter diesem Thema verbirgt und einem den Autismus gar absprechen wollen, wenn man nicht in dieses Raster passt.<\/p>\n<p>Wozu sich also sein Leben lang als Alien f\u00fchlen, jahrelang Psychotherapie \u00fcber sich ergehen lassen und Monate auf einen Termin zur Autismusdiagnostik warten, wenn die Antwort doch so simpel ist und man eigentlich gar kein Autist sein kann, weil man nicht so wirkt?<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte alles so einfach sein. Ist es aber nicht. Es gibt nicht DEN Musterautisten, dessen Verhalten ma\u00dfgebend f\u00fcr alle anderen Autisten ist. Ein schlauer Spruch sagt: <em>Kennst Du einen Autisten, kennst Du einen..<\/em> und genau das ist der Fakt, der oftmals f\u00fcr Verwirrung unter Au\u00dfenstehenden sorgt. Sicher \u00e4hneln sich viele Autisten in gewissen Mustern, doch sind etliche typische Verhaltensweisen bei jedem Betroffen v\u00f6llig individuell ausgepr\u00e4gt, k\u00f6nnen sogar ganz fehlen.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Man guckt dem Gespr\u00e4chspartner ins Gesicht, oder gar in die Augen?<\/strong> Dann ist man kein Autist!<\/li>\n<li><strong>Man bedient sich gern der Zynik und des Sarkasmus?<\/strong> Alles, nur kein Autist!<\/li>\n<li><strong>Man hat soziale Kontakte?<\/strong> Dann kann man kein Autist sein!<\/li>\n<li><strong>Man hat einen Beruf gelernt?<\/strong> Kann kein Autist sein.<\/li>\n<li><strong>Man arbeitet &#8211; und zwar NICHT in einer WfbM?<\/strong> Definitiv kein Autist.<\/li>\n<li><strong>Man ist in einer langj\u00e4hrigen Beziehung?<\/strong> Ach h\u00f6r auf..<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ebenso einfach ist es, offensichliche Indizien zu ignorieren, und diese der betreffenden Person als charakterschw\u00e4che anzuheften, ohne auch nur den Hauch von Interesse zu zeigen, das Verhalten zu hinterfragen.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Man meidet Teamarbeit oder geht in dieser unter?<\/strong> Kein Autist, aber ein unf\u00e4higer Depp.<\/li>\n<li><strong>Man ist ruhig und introvertiert?<\/strong> Kein Autist, aber ein Psychopath.<\/li>\n<li><strong>Man geht nicht offensiv auf Menschen zu?<\/strong> Ein passiver Langweiler!<\/li>\n<li><strong>Man bittet um einen Nachteilsausgleich?<\/strong> Nur ein arroganter Typ, der sich f\u00fcr was besseres H\u00e4lt, aber kein Autist!<\/li>\n<li><strong>Man meidet Gruppen und ist lieber allein?<\/strong> Tr\u00e4umer..<\/li>\n<li><strong>Man wippt oder hat sonstige Marotten?<\/strong> Musst Du pinkeln? Bist du nerv\u00f6s?<\/li>\n<li><strong>Man stottert bei Vortr\u00e4gen?<\/strong> Zu wenig \u00dcbung, mehr nicht!<\/li>\n<li><strong>Man ist in Gedanken versunken und reagiert deshalb nicht auf Ansprachen?<\/strong> Unfreundlicher Typ!<\/li>\n<li><strong>Man erkennt Leute nicht auf dem ersten Blick?<\/strong> Dito.<\/li>\n<\/ul>\n<p>(Asperger-)Autismus wird nicht umsonst die unsichtbare Behinderung genannt. Man sieht es dem Betroffenen einfach nicht an und schlie\u00dft daraus, dass dieser deswegen nicht leiden k\u00f6nne und sich nicht so anstellen solle. Viele Betroffene, vor allem sp\u00e4tdiagnostizierte Asperger haben im Laufe ihres bisherigen Lebens Strategien entwickelt, um sich &#8211; zumindest nach au\u00dfen &#8211; anzupassen. Teils bewusst, teils unbewusst. Diese Strategien kommen einer erlernten Fremdsprache nahe, die man zwar mehr oder weniger flie\u00dfend beherrscht, aber eben nicht mit der Perfektion eines Muttersprachlers. Irgendwann kommt man auch als angepasster Asperger-Autist an seine Grenzen und die so m\u00fchsam aufgebaute Fassade bricht in sich zusammen.<\/p>\n<p>Diese Grenzen sind jedoch meist nicht durch den Autismus gesteckt, sondern durch das falsche Bild, das in der Gesellschaft herrscht. Etwas mehr Weitsichtigkeit in Bezug auf Menschen, die nicht der Norm entsprechen, w\u00fcrde der Gesellschaft gut tun. Durch falschen Umgang mit Autisten werden diese erst behindert und eingeschr\u00e4nkt. W\u00fcrde beispielsweise ein Arbeitgeber von sich aus auf die Bed\u00fcrfnisse seines autistischen Angestellten eingehen, br\u00e4uchte dieser keinen Schwerbehindertenausweis, um Nachteilsausgleiche einzufordern, gar einzuklagen.<\/p>\n<p>Autist sein hei\u00dft, sich st\u00e4ndig rechtfertigen zu m\u00fcssen und dennoch missverstanden zu werden.<\/p>\n<p>q.e.d.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der geneigte Au\u00dfenstehende tendiert in vielen Belangen oftmals zum Pauschalisieren. 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