{"id":90,"date":"2017-10-11T22:09:13","date_gmt":"2017-10-11T20:09:13","guid":{"rendered":"http:\/\/aspienaut.de\/?p=90"},"modified":"2017-10-24T15:02:51","modified_gmt":"2017-10-24T13:02:51","slug":"seit-einem-jahr-diagnostiziert-was-mir-die-diagnose-brachte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aspienaut.de\/?p=90","title":{"rendered":"seit einem Jahr diagnostiziert: Was mir die Diagnose brachte."},"content":{"rendered":"<p><strong>Vor ziemlich genau einem Jahr erhielt ich meine Diagnose: F84.5, Asperger-Syndrom. Ein Scheitelpunkt meines Lebens, von dem f\u00fcr mich sogar etwas Revolution\u00e4res ausging. Es war der metaphorische Mittelfinger gen alle, die mich bis dato aufgrund <a href=\"http:\/\/aspienaut.de\/?p=61\">meiner Eigenarten<\/a> und psychischen Probleme stigmatisierten, verurteilten, abstempelten und links liegen lie\u00dfen.<\/strong><\/p>\n<p>Die Diagnose kam f\u00fcr mich nicht unerwartet. Ganz im Gegenteil: Sie war wie ein alter Freund, den man schon lang erwartete, f\u00fcr den man die Wohnung herrichtete und den besten Whisky bereitstellte, den die Hausbar hergab.<\/p>\n<p>Den Grund der eigenen Umst\u00e4nde endlich in gedruckter, hochoffizieller Form vor sich zu halten und dadurch die Best\u00e4tigung jahrelanger Theorien zu erfahren, war der sprichw\u00f6rtliche Befreiungsschlag f\u00fcr meine Psyche.<\/p>\n<p>Anders als bei Kindern, bei denen die Diagnose mitunter Grundlagen f\u00fcr die Entwicklung bereitstellt, geschieht der Gang zur Diagnostik im Erwachsenenalter meist aus eigenem Interesse. Um etwas best\u00e4tigt zu wissen, was schon lang klar ist, um mit sich selbst im Reinen zu sein, um Zusammenh\u00e4nge zu verstehen. Aber auch, weil sie in der Diagnose einen letzten Ausweg sehen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Viele &#8211; ich nenne sie einfach mal- <em>funktionierende Autisten<\/em>, die den Schritt erst im Erwachsenenalter gehen, sind angepasst und in ihrem Verhalten. Sie tragen tagt\u00e4glich eine Maske, die ihr eigenes Ich nach au\u00dfen durch geschickte Schauspielerei kaschiert. Wer sich jedoch st\u00e4ndig verstecken muss, leidet. So ist es nicht selten, dass der Leidensdruck durch diese st\u00e4ndige Maskerade zu gro\u00df wird und das m\u00fchsam aufgebaute Ger\u00fcst irgendwann in sich zusammenf\u00e4llt. Mit der Diagnose schafft man nicht nur Klarheit f\u00fcr sich selbst, sondern eine Grundlage f\u00fcr m\u00f6gliche Therapien und gezielte Ans\u00e4tze um sich selbst wieder auf den <em>richtigen Weg<\/em> zu lenken und das Leben in den Griff zu bekommen.<\/p>\n<p>Heute wei\u00df ich, dass mich der Autismus schon seit fr\u00fcher Kindheit begleitet. Er war es, der mir die Gummireifen eines Spielzeugautos aus dem Kindergarten in die Hosentaschen steckte, weil sich ihre Gummistruktur so wunderbar anf\u00fchlte. Auch war er es, der zornesgeladen eine geschenkte Schnittrose zerpfl\u00fcckte, weil an ihrem Stengel keine Bl\u00e4tter mehr waren. Vielleicht war er es auch, der sich nicht traute, andere Kinder anzusprechen, als es im letzten Kindergartenjahr mit einer Ferienfreizeitgruppe zu diversen Ausflugszielen ging.<\/p>\n<p>Jedoch lernte ich die Macht, die er auf mich aus\u00fcbte erst viel sp\u00e4ter kennen. Es sollte jedoch noch Jahre dauern, bis ich in Worte fassen konnte und mir bewusst wurde wer oder was diese Macht eigentlich war.<\/p>\n<p>Seit dem Wechsel von der Realschule in die Oberstufe, vor rund 15 Jahren, bekam ich diese Macht zum ersten Mal bewusst zu sp\u00fcren. Die drei Jahre im neuen Umfeld waren eine nicht enden wollende Qual, die letztendlich f\u00fcr mich zu keinem Ziel f\u00fchrte und den Anfang des (vorl\u00e4ufigen) gesellschaftlichen Endes manifestierten. In den folgenden Jahren dachte ich immer intensiver \u00fcber das &#8220;<em>Anderssein<\/em>&#8221; nach und geriet in eine Abw\u00e4rtsspirale, die mich in jahrelange Depressionen versetzte und jeglichen Antrieb nahm. Fast die kompletten Zwanziger verbrachte ich nur mit wenigen sozialen Kontakten, eingeigelt in meinem sicheren Dachstuhl. Umgeben von Dingen, die meinen Spezialinteressen entsprachen: Computer, Pflanzen und B\u00fccher.<\/p>\n<p>Erst als ich mit 26 meine jetzige Freundin kennenlernte, begann ich mich wieder f\u00fcr meine eigene Zukunft zu interessieren. Sie trat mir sprichw\u00f6rtlich immer wieder in den Allerwertesten und zwang mich zu dieser Auseinandersetzung mit mir selbst und das Leugnen meiner Umst\u00e4nde abzulegen.<\/p>\n<p>Jedoch sollten noch zwei weitere Jahre vergehen, eh ich bereit dazu war, meiner Psyche auf den Grund zu gehen. Das Thema Asperger-Syndrom war damals f\u00fcr mich schon eine Vermutung, die sich durch Artikel, Reportagen und Selbsttests st\u00fctzte. Das Wort selbst sprach ich allerdings nie aus. Unter dem Vorwand der <em>Depressionen<\/em> und der <em>Sozialen Phobie<\/em> begab ich mich in Therapie, um zumindest den ersten Schritt in Richtung Selbstfindung zu gehen. Gern h\u00e4tte ich mir gew\u00fcnscht, dass all die \u00c4rzte, mit denen ich in den Jahren Kontakt hatte, von allein auf dieses &#8211; doch recht &#8211; Offensichtliche stie\u00dfen.<\/p>\n<p>Auch wenn die Therapie nicht prim\u00e4r am Autismus ansetzte, merkte ich doch einen psychischen Aufwind, der mich soweit festigte, dass ich a) immer noch mit meiner Freundin zusammen bin und ich b) endlich den Weg ins Berufsleben schaffte und mein Hobby (und Spezialinteresse) zum Beruf machte. Mit einer 1,0 in der Zwischenpr\u00fcfung war es mir m\u00f6glich, die Ausbildung zum Zierpflanzeng\u00e4rtner um ein komplettes Jahr zu verk\u00fcrzen und beendete diese im Juli 2017, mit 31 Jahren, als Jahrgangsbester.<\/p>\n<h3>Asperger-Diagnose als letzter Ausweg<\/h3>\n<p>Doch eh es dazu kam, \u00fcbermannte mich &#8211; trotz halbwegs stabiler Psyche &#8211; letztendlich doch wieder mein Autismus. Durch den Stress auf der Arbeit, bedingt durch ungewisse Arbeits-\/Pausenzeiten, endlose \u00dcberstunden, sowie mangelnde Struktur im Ausbildungsbetrieb, erreichte ich bereits im ersten Lehrjahr abermals einen emotionalen Tiefpunkt, wie ich ihn seit Jahren nicht mehr erlebte. Die Psychotherapie half mir zwar in den Jahren zuvor, jedoch wurde mir letztendlich zu viel um den hei\u00dfen Brei geredet. Mit der Hilfe meiner Freundin fasste ich schlussendlich den Entschluss, den Autismus endlich beim Namen zu nennen und machte einen Termin zur Diagnostik.<\/p>\n<p>Noch im selben Jahr, gen Herbst 2016, begann f\u00fcr mich der Schritt in die Autismusambulanz an der LWL-Klinik in Dortmund. Es folgten dutzende Testb\u00f6gen mit hunderten Fragen, Tests zum Sprachverst\u00e4ndnis, Reaktionstests und letztendlich ein langes, tiefgr\u00fcndiges Gespr\u00e4ch, an dessen Ende die Diagnose stand: <strong>Asperger-Syndrom<\/strong>.<\/p>\n<p>Mit diesen Worten, f\u00fchlte ich mich wie ein verpuppter Schmetterling, der seine h\u00e4ssliche, graue Puppe endlich verlassen und sich entfalten konnte. Das neue Leben feierte ich mit einer Pizza, die ich noch vor der Klinik im Auto a\u00df und fuhr gen Heimat.<\/p>\n<p>Wenige Tage sp\u00e4ter erreichte mich das schriftliche Gutachten, das die Grundlage jeder weiteren Vorgehensweise sein sollte. Neben einem Gespr\u00e4chsprotokoll umfasste es s\u00e4mtliche Testergebnisse, individuelle Empfehlungen f\u00fcr einen stressarmen Umgang und zudem eine Empfehlung f\u00fcr die Beantragung eines Schwerbehindertenausweises mit einem GdB von mind. 50.<\/p>\n<p>Da der Diagnostik prim\u00e4r Probleme im Ausbildungsbetrieb vorausgingen, legte ich die Unterlagen am n\u00e4chsten Tag beim Chef vor. Die Hoffnung, dadurch auf Besserung meiner Situation zu sto\u00dfen, war jedoch ein Trugschluss. Auch nachdem ich die Diagnose kundtat folgten Vieraugengespr\u00e4che mit dem sinngem\u00e4\u00dfen Inhalt, ob ich denn immer aus der Reihe tanzen und anecken wolle. Abgesehen davon, dass das Arbeitsklima f\u00fcr mich nicht besser wurde und der Stress weiterhin stieg, beantragte ich schlussendlich den SBA. F\u00fcr mich der absolut letzte Weg, um mein Ziel dennoch zu erreichen, um nicht zu scheitern. Zwar legte ich w\u00e4hrenddessen eine 1,0 in der Zwischenpr\u00fcfung ab und die schulischen Leistungen lagen auch im guten Einserbereich, doch zermaterte mich die Situation im Betrieb immer mehr.<\/p>\n<p>Letztendlich erhielt ich den SBA nach wenigen Wochen und staunte \u00fcber einen zugewiesenen GdB von 60. Zwar hatte ich lange Bedenken \u00fcber m\u00f6gliche Stigmatisierungen durch diesen Ausweis, jedoch h\u00e4tte ich ohne diesen Weg meine Ausbildung trotz \u00fcberragender Noten sicher kurz vorm Ziel abbrechen m\u00fcssen. Der Fakt, dass man mich wissentlich, trotz bekannter Diagnose ins Messer laufen lie\u00df, lie\u00df mir jedoch absolut keine andere M\u00f6glichkeit, als meine Rechte durch den Schwerbehindertenausweis zu untermauern.<\/p>\n<p>Mit einem GdB von 60 hatte ich demnach Anrecht auf geregelte Arbeitszeiten und brauchte keine \u00dcberstunden mehr machen. Die dadurch gewonnene Zeit, tat meiner Seele ungemein gut und ich konnte mich entsprechend kurieren. Da zudem die Verk\u00fcrzung der Ausbildung (aufgrund der 1,0 in der Zwischenpr\u00fcfung) genehmigt wurde, kam w\u00e4hrend der Zeit zus\u00e4tzlicher Input auf mich zu, den ich jedoch &#8211; nicht zuletzt auch durch die mittlerweile geregelten Arbeitszeiten &#8211; entprechend gut verarbeiten konnte.<\/p>\n<p>Als Jahrgangsbester legte ich die Abschlusspr\u00fcfung ab &#8211; Und das als schwerbehinderter Autist mit einem GdB von 60, der bereits so oft an scheinbar Simplem scheiterte.<\/p>\n<p>War mir nun die Diagnose brachte? Selbsterkenntnis und Sicherheit. Mit ihr und dem SBA habe ich ein Instrument, das meine Defizite ann\u00e4hernd ausgleichen kann, wodurch wieder Chancengleichheit entsteht. Zwar werden solche Nachteilsausgleiche von etlichen Menschen leider immer noch als unn\u00f6tige Extrawurst gesehen, doch bezieht es sich auf Defizite, die einem Autisten das Genick brechen k\u00f6nnen. H\u00e4tte ich die Diagnose bereits vor 10 Jahren gehabt, w\u00e4re mein Leben sicherlich um einiges anders verlaufen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor ziemlich genau einem Jahr erhielt ich meine Diagnose: F84.5, Asperger-Syndrom. Ein Scheitelpunkt meines Lebens, von dem f\u00fcr mich sogar etwas Revolution\u00e4res ausging. Es war der metaphorische Mittelfinger gen alle, die mich bis dato aufgrund meiner Eigenarten und psychischen Probleme stigmatisierten, verurteilten, abstempelten und links liegen lie\u00dfen. Die Diagnose kam f\u00fcr mich nicht unerwartet. 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