Soziale Netzwerke als Stressquelle für Autisten

Soziale Netzwerke sind toll, sie sind mittlerweile Bestandteil unserer Gesellschaft und ein einfacher und schneller Weg der Vernetzung. Mit ihnen kann man Kontakte aufrecht halten, Informationen finden und sich und seine Ergüsse einer scheinbar interessierten Masse präsentieren.

Letzteres ist natürlich ein komplexes Thema. Auf die Gelegenheitsnutzer, die alle paar Tage bis Wochen ein Bild hochladen oder einen kurzen Status durchgeben, oder auf die Aufmerksamkeithaschenden, die ihr Privatleben in die Öffentlichkeit verlagern, und sich mit Kleinigkeiten profilieren, möchte ich nun gar nicht eingehen.

Jedoch auf die Anderen, die Kreativen, die Texte schreiben, die Wissen teilen, die Musik produzieren, die fotografieren. Eben jene, die soziale Netzwerke als Verbreitungskanal für ihre Ergüsse nutzen. Sei es nun kommerziell oder privat.

Plattformen dafür gibt es mittlerweile zuhauf. Sie heißen Facebook, Instagram, Twitter, wie auch immer. Was jedoch allen Platformen gemeinsam ist, ist das Konzept der Vernetzung in Form von Abonnements von Inhalten, oder dem Folgen dieser.

Wer solche Profile betreibt oder verfolgt, kennt das System, das Menschen zu leeren Zahlen macht.

Die einen entwickeln ein Suchtgefühl und beginnen sich und ihren Erfolg in diesen Zahlen zu messen, die anderen sehen diese Zahlen ganz pragmatisch eben nur als solche.

Soziale Netzwerke als Stressquelle für Autisten

Als Autist können soziale Netzwerke einem in vielerlei Hinsicht das Hirn zermatern.  Eher selten – bislang habe ich in noch keiner Autismusgruppe/ in keinem Autismusforum darüber gelesen – in meinem Falle aber zutreffend, ist es aber die Dynamik dieser Zahlen an Abonnenten, die solche Netzwerke nicht unbedingt als autismusfreundlich deklariert.

Menschen folgen, Menschen entfolgen. Inhalte sind beliebig und austauschbar. Ebenso die Profile, denen man folgt. Man entscheidet sich „aus dem Bauch heraus“, wem man folgt und entfolgt ebenso spontan.

Für einen nicht-Autisten sicher eine Thematik, die es zu analysieren gar nicht wert ist. Es ist, wie es ist. Für mich jedoch eine Sache, die mich immer wieder dazu bringt, intensiv drüber nachzudenken, warum mir Leute folgen, diese augenscheinlich Interesse haben, dann aber binnen kürzester Zeit wieder aus der Liste der Abonnenten verschwinden und diese eine Zahl, an die man sich just wieder gewöhnte, wieder verändern.

Selbst aus der eher speziellen Sicht eines Aspergers gibt es dafür Gründe, die auch nicht-Autisten wahrscheinlich unterstreichen würden:

  • Ein Profil wirkt auf dem ersten Blick interessant, entpuppt sich aber aus subjektiver Sicht im Nachhinein als langweilig.
  • durch das Folgen wird der Profilbetreiber informiert und die Aufmerksamkeit soll auf den neuen Abonnenten gelenkt werden – möglicherweise damit man selbst diesem folgt.

Was den meisten aber gar nicht bewusst ist – und selbst wenn es bewusst wäre, wahrscheinlich sowas von unwichtig erscheint, ist eben das Thema mit der ständig veränderbaren Zahl an Abonnenten. Eine schöne glatte Zahl, eine Schnapszahl, eine persönlich interessante Zahl – oder eben eine Zahl, die sich nicht schlagartig verändert, hat etwas Magisches.

Es ist vergleichbar mit der Lautstärke am Fernseher, die man gern – sei es bewusst oder unbewusst – auf eine gerade Zahl stellt. Oder manch einer Routine, die sich nicht ändern darf.

Hierbei geht es um ein Wohlgefühl, dem ein Unbehagen gegenübersteht. Im konkreten Bezug auf die sozialen Netzwerke auch teils Unverständnis über das Verhalten der Menschen.

Als treuer Leser von Gebrauchsanweisungen und Handbüchern, plädiere ich für folgenden Satz als Bestandteil einer Bedienungsanleitung in Bezug auf Verhaltensregegeln im Umgang mit Aspergern:

„Achtung, User ist Autist! Bitte nur folgen/abonnieren, wenn dauerhaftes Interesse am Verfolgen der Inhalte besteht. Bitte nicht durch kurzfristiges Folgen/Entfolgen unnötigen Stress aussetzen“

Abgesehen davon, dass der gewöhnliche Netznutzer eh lesefaul ist, ist es fragwürdig, wie ein solcher Satz überhaupt auf Außenstehende wirkt. Sicher ist es naiv zu glauben, das Problem dadurch zu lösen. Jedoch schmeichelt es dem eigenen Gewissen, zu wissen, einen Schritt in Richtung Aufklärung zu gehen.

q.e.d.

Nachtrag (09.10.17):

Nachdem ich das Thema in diversen Aspergergruppen auf Facebook ansprach, fielen die Reaktionen gespalten aus. Ich erwartete eher Zuspruch, dass eben dieses Phänomen der sich ständig ändernden Zahlen weiter verbreitet sei. Jedoch hat kaum jemand mein Anliegen verstanden und ich wurde als „Followergeil“ abgestempelt, als jemand, der sich über die Anzahl der Follower definiere..

Die absolut unpassendste Reaktion war der Einwand, dass man bei Facebook eh keine Followerzahlen sehe, aber auch der schlaue Ratschlag, nur Freunde, die man wirklich kennt, aufzunehmen wurde gegeben..

Ich betone nochmal, hier geht es nicht um „Freunde“, oder irgendwelche Follower, die plötzlich fehlen. Hier geht es ausschließlich um die Dynamik dieser Zahl – der Anzahl, die mich stresst. Eben aus diesem Grund habe ich seit 2004 die selbe Handynummer.

Sind Autisten eigentlich immer so dermaßen anstrengend? Bin ich etwa auch so schlimm? Wenn ich lese, wie ich mich über Kleinigkeiten aufrege und davon leiten lasse, anscheinend ja.. 😉

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