Social Life vs. Asperger

Nachdem ich über Wochen mal wieder die Abende allein daheim verbrachte, die letzten zwei Wochen davon jedoch mit triftigem Grund (Grippe), entschied ich mich, das letzte Urlaubswochenende doch endlich mal wieder unters Volk zu gehen. Kurzerhand lud ich mich selbst zu einer Geburtstagsparty ein, im Anschluss ging es in eine Diskothek.

Fakten des Abends: Woran man merkt, dass man alt wird? Auf Geburtstagsparties werden Ultraschallbilder herumgereicht und geschätzt 50% der anwesenden Frauen sind schwanger. Über inkorrekte Flachwitze lacht kaum jemand. Feiert man so, wenn man ü30 ist? Ich gehe in mich: Was bringt Menschen dazu, sich heutzutage noch zu reproduzieren? Ich sollte nicht drüber philosophieren, es führt eh zu nichts.

Fakt 2.: „lach doch mal“ – ein Satz, den ich in den 12 Stunden öfter hörte, als in den vergangenen 2 Jahren zusammen. Der „ernste“ Blick ist unbewusst und drückt nichts Negatives an meiner Stimmung aus. Der Unterschied zwischen Spaß und Leid lässt sich an mir leider manchmal schwer erkennen.

Fakt 3.: Ich habe es tatsächlich geschafft, eine kurze Konversation mit einer fremden Person zu führen. Jedoch war diese Frau so betrunken, daß sie hinterher ins Delirium fiel und von der Security nach draußen befördert wurde. Ich glaube, die Konversation mit mir muss sehr spannend gewesen sein – Nicht. Wahrscheinlich so belanglos und beliebig, wie alle anderen Konversationen, die diese Person an diesem Abend führte.

Fakt 4.: ich zwinge mich zu sozialer Interaktion und verbleibe mit einem Gefühl der Distanz. Zwischen hunderten Menschen in einer Diskothek; unsichtbar und immer noch von dieser seltsamen autistischen Blase umgeben, die jegliche Kommunikationskanäle zur Außenwelt verschlüsselt und dazu führt, dass man völlig falsche Signale sendet und letztendlich so interessant ist, wie die leeren Gläser am Thresen – obwohl es das Letzte ist was man wollte. Es nervt irgendwie. Ich will mit Menschen kommunizieren, befinde mich aber in einer kommunikativen Einbahnstraße.

Fakt 5.: wenn der Tag schon seltsam autistisch beginnt (*), hilft auch Alkohol nicht weiter. Gar nicht. Ich wollte mich ablenken, zermaterte mir aber im Anschluss den Kopf mit sinnlosen Fragen. Ich hoffte, das Alien in mir besser unter Kontrolle zu haben. Dem ist leider nicht so. Hallo, Alien.

(*) Es war einer dieser Tage, an denen mein Gehirn nicht zur Ruhe kam. Schon morgens war ich nicht fit und das „Gefühl“ legte sich wie ein Schleier auf meine Gedanken. Jedoch zwang ich mich zu einem adäquaten Rhythmus und verzichtete auf einen exzessiven Mittagsschlaf. Manchmal gelingt es mir, dieses „Gefühl“ zu unterdrücken und soweit in den Hintergrund zu stellen, dass es keine Macht über mich entwickelt und ich relativ „normal“ in Gesellschaft agiere. Dann gibt es jedoch diese Tage, an denen ich mir einrede, dass ich das „Gefühl“ verdrängen kann, jedoch gnadenlos dran scheitere und wie eine leere Hülle wirke. Ich habe bislang keine Möglichkeiten gefunden, dem entgegenzuwirken. Leider nehmen diese Tage wieder zu..

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Status Quo: Ende März 2018.

Momentan befinde ich mich wieder in einem Strudel aus Gedanken. Nachdem ich das spätwinterliche „Verliebtsein“ aus rationalen Gründen recht schnell wieder einstellte, dachte ich viel an meine letzte Beziehung zurück. Erschwerend kam hinzu, dass meine Familie immer noch unter der Trennung zu leiden hat und es schmerzt, wenn ich sehe, dass andere Menschen heute noch deswegen weinen, weil angeblich ja alles so optimal war.. Naja, diese anderen Menschen sind eben nur andere Menschen, wenn auch nahestehende Verwandte, jedoch trotzdem nicht in der Lage über die beendete Beziehung zu urteilen. Es hatte alles seine Gründe und letztendlich bin ich froh, „frei“ zu sein.

Das Nachdenken wird bestärkt durch die Tatsache, dass in wenigen Wochen für mich ein neuer Lebensabschnitt beginnt und ich mit dem Abi fertig sein werde. Danach stehen Dinge an, die für mich totales Neuland sind: Umzug in eine fremde Stadt, studieren, völlig auf sich allein gestellt sein.. Ich weiß gar nicht, wo ich beginnen soll..

Auch die angestrebte Autismustherapie konnte ich durch den massiven Stress durch Schule und co. bislang noch nicht antreten. Angesichts der langen Genehmigungszeit durch Amtswegen wird sich das auch – zumindest im Ruhrgebiet – nicht mehr lohnen. Ich habe es nicht geschafft, auch nur den einfachsten Amtsweg zu gehen.. Ich habe es nicht geschafft, mich um etwas zu kümmern, dass mir gut täte. Ich habe wieder auf Hilfe von außen gewartet, aber diese nicht bekommen.

Ich fühle mich gerade in jeglicher Hinsicht alleingelassen. Die Schule überlebe ich kurz vorm Abi nur, weil ich stumpf geradeaus drücke, ohne auch nur einen Millimeter vom Weg abzuweichen. Es klappt, ich schreibe Bestnoten, aber habe auch meine Hänger, die sich jedoch ausgleichen lassen und kein Problem darstellen. Jedoch müssten diese Hänger nicht sein, wenn ich meinen Kopf frei hätte und zwischendurch auch mal „abschalten“ könnte. Ich bin seit Jahresbeginn nur noch auf 180, komme nicht zur Ruhe, liege bis in die Morgenstunden wach, gehe völlig übermüdet in die Schule, schlafe dort meist ein und halte einen Mittagsschlaf bis zum Abend. Der Versuch meinen Rhythmus zu ändern schlug mehrfach fehl. Habe ich wieder einen normalen Rhythmus intus, ist dieser nach dem ersten Schultag wieder komplett zerrüttet, da mich allein die Anwesenheit in der Schule so dermaßen stresst, dass ich Mittags wieder schlafen muss, um nicht komplett am Rad zu drehen.

Es ist gerade alles sehr instabil, meine Gedanken habe ich halbwegs im Griff, jedoch versucht mich eine Stimme aus meinem tiefsten Innern wieder von der Sinnlosigkeit aller Unterfangen zu überzeugen..

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Schmetterlinge..

Manch Aspie würde sagen, wenn man Schmetterlinge im Bauch haben möchte, sollte man sich Raupen in den Hintern schieben. Klingt logisch.. Ich bevorzuge aber die geläufigere Variante, die mich wahrscheinlich nun erwischt hat.

Was kurz vor Silvester mit einem recht banalen Treffen zum gemeinsamen Fotografieren begann, steigerte sich in den letzten Wochen zu einer sehr intensiven Erfahrung. Für meinen eher vorsichtigen Charakter war es schon fast zu schnell, hatte ich doch irgendwie erst vor nicht all zu langer Zeit ein – für mich – sehr langes Beziehungskapitel geschlossen. Doch was hatte ich zu verlieren? Ich nahm mir vor, mich von der Trennung nicht beeinflussen zu lassen und wollte mich aktiv den Herausforderungen stellen, denen man gegenübertritt, wenn man bewusst und aktiv Menschen kennenlernen will.

Schon das erste Treffen versprühte diese Stimmung, die man einfach nicht hat, wenn man sich „nur“ zur gemeinsamen Freizeitgestaltung trifft. Es war, als kannte man sich ewig – was nicht zuletzt auch daran lag, dass wir im Vorfeld wochenlang miteinander kommunizierten und man dabei sehr viel über das Gegenüber erfuhr. Es gab viele Gemeinsamkeiten. In erster Linie gemeinsame Interessen und was ich teils sehr verwundernd fand: Gewissermaßen ähnliche Denk- und Handlungsweisen.

Ich ließ mich treiben auf den sanften zuckersüßen Wogen, die mir entgegenschwappten. Aus dem ersten Treffen wurden viele. Ich ging fest davon aus, dass ich nach der Trennung für lange Zeit taub für Gefühle sein würde, aber scheinbar irrte ich mich.

Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit verspüre ich wieder den Drang, mich ins Zeug zu legen, aktiv zu sein. Komischerweise bin ich nun derjenige, der einen Satz hörte, der eigentlich sonst immer von mir kam: zu viel Nähe verursacht Stress und erfordert das Aufladen der eigenen Akkus.

Die Aussage hätte von mir stammen können, auch wenn es mich verwundert und diese Ähnlichkeit doch ein wenig erschreckt. Aber es ist Okay für mich. Ich fühle mich verstanden und genieße die Zeit. Ich bin glücklich, wenn auch etwas melancholisch, weil ich in einen Spiegel schaue, dessen Spiegelbild mir befremdlich vorkommt, weil es mir eben so vertraut ist. Und nicht zuletzt auch, weil mein Verhalten andere Menschen verletzte..

Doch jeder Moment ist schön, ich sehe plötzlich wieder Farben, dort wo die Dunkelheit überwog. Plötzlich verspüre ich Freude an Dingen, an denen ich im Laufe der letzten Jahre völlig das Interesse verlor, zu denen ich mich letztendlich gar nicht mehr im Stande sah. Es tut gut. Es fühlt sich richtig an, aber doch ungewohnt anders. Arm in Arm einschlafen, sich nahe sein und trotzdem eine zaghafte Distanz wahren. Sich langsam von Ebene zu Ebene arbeiten und diese stärker werdende Wärme spüren, die vieles vergessen lässt. Hoffnung.

Es ist gut.

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Halbzeit!

Abi im zweiten Bildungsweg mit 32.. Von vielen Seiten wurde mir damals abgeraten, nach der Ausbildung den Schritt nochmal zu gehen: Viel mehr Stress, viel mehr lernen, einfach viel mehr Input – da ich während der Ausbildung immer mal wieder dem Burnout nahe war, appellierte man an mich, dass ich mich nicht übernehmen solle mit meinen kühnen Plänen. Interessanterweise kamen diese Kommentare genau von den Leuten, die auch während meiner Ausbildung – zumindest zu Beginn – kaum Hoffnung in mich setzten.

Und was war? Mit einer 1,0 in der Zwischenprüfung verkürzte ich um ein Jahr und wurde Jahrgangsbester.

Nun neigt sich auch das Abi, das durch meine Ausbildung glücklicherweise nur ein Schuljahr dauert, langsam aber sicher seinem Höhepunkt zu. Es gab Halbjahreszeugnisse. 1,5er Schnitt bei 7 Einsen. Ich bin zufrieden und meinem Traumstudium wieder einen Schritt näher.

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Teamarbeit = FAIL.

Ich hatte heute eine Präsentation vor 100+ Leuten. Es lief Erwartungsgemäß mies – jedoch nicht das Vorstellen ansich.. komischerweise war ich so voller Adrenalin, dass ich einfach nach vorn preschte und aus dem Stegreif erzählte. Ich erntete Applaus in einem Umfang, wie ich ihn nicht kannte. Super für mich, war ein gutes Gefühl!
 
Aber die Tatsache, dass das „Team“ nicht zusammengearbeitet hat und ich das Projekt quasi im Alleingang durchgezogen habe, gab massive Minuspunkte.. 3 von 4 Teammitglieder interessierten sich nicht einmal für das Thema, ignorierten jegliches Entgegenkommen meinerseits, als ich ihnen schon eine fertige Powerpointpräsentation vorlegte, die sie nur hätten verinnerlichen brauchen..ABER keiner von denen setzte sich damit auseinander.. stattdessen nutzten sie die freie Arbeitszeit, um Youtubevideos zu schauen und schrieben sich in wenigen Minuten belanglose Inhalte von Wikipedia ab, die nichts mit meiner erstellten Powerpoint gemeinsam hatte.
 
Fernab der Gliederung wurden diese Texte nun heute vor 100+ Leuten dümmlich abgelesen.. Natürlich völlig am Thema vorbei. Ich kam mir vor wie ein Depp, als ich die Präsentation steuerte und jedes Mal aufs Neue eine Folie anzeigte, die rein gar nichts mit dem zu tun hatte, was die Volldeppen just erzählten..
 
Ich wäre vorne vor Wut fast explodiert. Es war einfach nur beleidigend mir gegenüber, demjenigen, der eine Woche investierte, um gute Ergebnisse zu recherchieren, demjenigen, der Bücher kaufte, Museen besuchte, 600 Bilder machte und jegliche Freizeit für die Präsentation opferte und schließlich eine fachlich und technisch nahezu perfekte Präsentation ablieferte, um der Gruppe damit den Arsch zu retten..
 
Es hätte so einfach für meine Mitstreiter sein können, eine Bestnote zu erlangen, aber keiner würdigte meine Arbeit.
 
Das Ergebnis: Mitstreiter jeweils Note 5, ich Note 3. Und die 3 auch nur, weil so wörtlich: Ich „es nicht schaffte, das Team zu motivieren“. Genau, macht ausgerechnet dem Autisten den Vorwurf, dass er es nicht schafft, ein Team zu führen. Dass aber er der einzige war, der in dieser Gruppe gearbeitet hat und dabei ein hochkarätiges Ergebnis lieferte, ist irrelevant..
 
Dabei ist eigentlich bekannt, dass ich Aspie bin und einen SBA mit GdB 60 wegen meiner sozialen Inkompatibilität besitze..
 
Ich bin zwar ein Mensch, der selten auf Extrawürste wegen seiner Behinderung besteht, aber ausgerechnet dieser Vorfall ist ein absolutes Paradebeispiel für Ignoranz und Desinteresse.. Ich möchte jetzt die Diskriminierungskeule nicht schwingen, weil ich es selbst oftmals peinlich finde, wie oft diese zum Einsatz kommt, aber letztendlich fühle ich mich diskriminiert..
 
Oder verurteilt man einen Gelähmten etwa auch, weil er keinen Marathon laufen kann???
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Neues Jahr, neues Glück.

Die Feiertage der geheuchelten Harmonie sind endlich vorüber, auch der Jahreswechsel zeigte sich von seiner überraschend schönen Seite. Erlebte ich über Weihnachten noch den Sog zurück in das schwarze Loch, dass mich entmutigte und lange Zeit grübeln ließ, entpuppte sich der Silvesterabend – zwar äußerst kurzfristig – als gelungener Jahresabschluss. Zusammen mit elf Leuten in einer kleinen Wohnung Silvester zu feiern klingt nicht unbedingt nach der besten Atmosphäre für einen Aspie. Es waren einige, mir unbekannte Gesichter vor Ort, auch war es eine Premiere zum ersten Mal bei besagter Gastgeberin und ihrem Freund zu feiern. Zugegebenermaßen musste ich mir auch erstmal „Mut antrinken“, um aufzutauen und die Sensoren zu betäuben, doch konnte ich den Abend bis zum Sonnenaufgang vollkommen genießen und dem neuen Jahr positiv und ohne emotionalem Querschläger entgegenblicken. Ich fühlte mich irgendwann sogar so wohl, dass ich vor allen Leuten Gitarre spielte.

Generell ist die Grundstimmung der letzten Tage deutlich besser, als zuvor. Meinen Vorsatz, neue Menschen kennenzulernen, habe ich bereits schon in der Woche vor Silvester wahrgemacht – und ich bin froh, es nicht weiter aufgeschoben zu haben. Virtuell habe ich den Kontakt zu alten und flüchtigen Bekanntschaften (wieder) aufgebaut und auch einige neue Kontakte gefunden. Außerhalb des Netzes fand im Dezember eine Fototour mit acht weiteren Leuten statt. Zudem gab es – wie eben schon angedeutet – in der Silvesterwoche ein wirklich nettes Treffen mit einer Frau, die mir schon seit Jahren immer mal wieder auf Konzerten (u.a. als Fotografin) ins Auge fiel, von der ich aber sonst absolut nichts wusste. Wie es der Zufall spielte, kommentierte sie vor etlichen Wochen eines meiner Katzenbilder im Netz.. was den Stein ins Rollen brachte. Nach endlosen Texten, voll mit Persönlichem aber auch Banalem, trafen wir uns am 29.12. zu einer kleinen gemeinsamen Fototour. Meine Knie waren weich, die Hände nass. Das übliche, wenn ich mich neuen Situationen stelle. Ich hatte Angst, als Vollidiot darzustehen, jedoch war meine Panik – wie so oft – einfach nur unbegründet. Als es anfing zu schneien und wir keinen Plan-B hatten, trennten sich unsere Wege. Ich kam mir unbeholfen vor, war es genau das, was ich nicht wollte – den Tag an diesem Punkt schon zu beenden. Doch wie es sich herausstellte, dachte sie genau so und trafen wir uns noch am selben Abend wieder.

„social life“ reaktivieren: Challenge accepted.

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Weihnachten.

Und wieder ist Weihnachten und wieder neigt sich ein Jahr dem Ende zu. Zum ersten Mal seit Jahren verbringe ich das Fest wieder im kleinen Kreis mit Mutter und Oma und ich vermisse diesen emsigen Weihnachtsstress, der mir sonst eigentlich immer zu wider war, in den letzten Jahren jedoch zu einem steten Begleiter des Jahreshöhepunktes wurde. Es ist komisch, wie sehr man sich an Sachen gewöhnen kann, sich mit ihnen gar anfreundet. Und es tut doch ein Bisschen weh, nicht mehr dazu zu gehören.

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Neue Medikation..

Nachdem ich vor vier Wochen in einer Kurzschlussreaktion etliche Ärzte um Termine gebeten habe, konnte ich heute endlich meiner Neurologin/Psychiaterin einen Besuch abstatten. Es tat gut, die Gedanken einem Profi vermitteln zu können und entsprechendes Feedback zu ernten. Da ich übermorgen einen Termin zur Autismustherapie habe, wollte ich ihre Zeit nicht damit verschwenden, mich auszuheulen, sondern war primär wegen der Medikation dort.

Nachdem ich nun einige Jahre ganz gut mit Citalopram verfahren konnte, ist das Mittel bei mir nun relativ wirkungslos und führt nicht mehr zum gewünschten Erfolg. Bedingt durch die Rückschläge der letzten Wochen, begegnete ich depressiven Phasen, die ich schon seit Jahren nicht mehr kannte. Unter gegebener Medikation sah ich meine persönliche Zukunft in Gefahr. Der Gedanke, alles hinzuschmeißen wurde immer präsenter und führte in den letzten Wochen schließlich dazu, dass ich starke Leistungseinbußen in der Schule hatte.

Diese Abwärtsspirale konnte ich nicht weiter akzeptieren. Nach einem langen Gespräch entschloss sich meine Neurologin nun für einen Wechsel der Medikation auf Venlafaxin/Trevilor.

Doch bevor ich die Medikation beginnen kann, muss ich das Citalopram ersteinmal ausschleichen.. ein quälender Prozess, der mir vor einigen Jahren bei einem kurzzeitigen Wechsel auf Elontril schon sehr viel körperlichen, wie auch seelischen Stress bereitete.

Glücklicherweise geschieht das Ausschleichen dieses mal in recht kurzer Zeit, so dass ich in den nächsten zwei Wochen bereits das neue Medikament nehmen kann und die Gefahr des „Hängers“ nur auf wenige Tage beschränkt ist.

Dumm nur, dass ich momentan in der Klausurphase bin..

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Resümee: November.

Mittlerweile ist die Fassungslosigkeit und Trauer der Wut gewichen. Die Gedanken sind gefasst und die Enttäuschung tat ihr bestes. Letztendlich ist Enttäuschung nur ein Akt, sich der Täuschung zu entledigen, der man lange Zeit erlegen war. Das Ergebnis: akzeptieren, reflektieren, realisieren. Wobei Akzeptanz immer wieder mit Kompromissen und Eingeständnissen einhergeht, mit denen man sich selbst als schwaches Glied dieser Kette offenbart. Ich akzeptierte in der Ohnmacht meiner Trauer den Verlust eines scheinbar liebenden Menschen, reflektierte mit der Enttäuschung und realisierte, dass diese Liebe nur noch ein Hirngespinst meiner selbst war, mich selbst in Hoffnung und Zuversicht suhlend, blindlings etwas nachzueifern, was schon lange nicht mehr existierte.

Ich hatte längst die Rolle des Hassobjektes eingenommen, fand mich scheinbar selbstlos damit ab, um ihr alles recht zu machen. Doch schüttete ich damit weiterhin Öl ins Feuer und erreichte genau das Gegenteil von dem, was ich mir vorstellte: Ich wurde beleidigt, als rückgratlos, als Memme, als Lappen bezeichnet. Mein Verhalten, nicht anecken zu wollen um der Person, von der ich glaubte, dass sie mich liebte, möglichst keine Last zu sein, wurde letztendlich als „feiges Kuschen“ bezeichnet. Selbst vor ihren Eltern nahm sie kein Blatt mehr vor dem Mund und bezeichnete mich immer öfter als Idiot, gar Vollidiot.

Ich hätte die Trennung von vornerein als Geschenk sehen sollen. Nein: Ich hätte diesen Schritt selber gehen müssen. Schon viel, viel eher, statt dieser Person auch nur eine Träne hinterherheulen zu sollen!

Wer nach 5 1/2 Jahren erst zu dem Schluss kommt, dass die Beziehung mit einem Asperger-Autisten nunmal anders verläuft, und dass ein Aspie im Bezug auf sozialer Interaktion nunmal unkonventionell agiert, handelt egoistisch und sadistisch, eine Beziehung unter gegebenen Fakten mir nichts, dir nichts mit fadenscheinigen Argumenten zu beenden.

Letztendlich diente ich nur noch als Sündenbock. War das Krebsgeschwür, das sie einschränkte, gar ihre Gesundheit belastete. Ich nahm es in Kauf gekniffen, in den Haaren gezogen und getreten zu werden. Aus Rücksicht vor einer fragilen Persönlichkeit, die ich mit meinem Aspergerverhalten nicht weiter strapazieren sollte. Doch als Sätze fielen wie „ich muss mich an dir rächen, du hast mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin, ich muss dir wehtun, dich kneifen„, hätte mir ein Licht aufgehen sollen. Ich war viel zu sehr in diesem Uhrwerk integriert, als dass ein Schlussstrich meinerseits jemals eine plausible Lösung für mich dargestellt hätte.

Ich trug die Schuld an ihrem Verhalten, an ihren Allergien, an ihren psychischen Ausfällen. Nur ich war es, der Fehler machte. Ich schaltete aus Faulheit nicht rechtzeitig in den nächsttieferen Gang und der Wagen begann zu blubbern: „Kannst du nicht Auto fahren? Hast du alles wieder verlernt? Bist du wieder in deiner Welt gefangen?“. Der Wagen machte laute Fahrgeräusche, die vom Fahrbahngrund her rührten: dito. Ich drehte mich um meine eigene Achse, ich hatte Entscheidungsschwierigkeiten, ich erzählte Fakten zu Dingen, die uns im Alltag begegneten, ich war einfach nur ich.. und wurde jedes Mal auf’s Neue beleidigt.

Ich war es, für den man sich rechtfertigen musste, ich war der Grund, weshalb sie sich vom sozialen Leben immer mehr zurückzog. Ich war einfach Schuld an allem. Ich war sogar Schuld an der Tatsache, dass sie mit meinem Freundeskreis nie richtig warm wurde. „Wenn man in eine Beziehung geht, verschmelzen die Freundeskreise beider Partner“ war ihre Ansicht. Da diese Person jedoch so dermaßen vorurteilsbehaftet und voreingenommen war, das absolut jeder in ihren Augen in irgendeiner Art eine Macke hatte, stand dies jedoch nie zur Option. Letztendlich war dies aber auch ein Argument das im Trennungsgespräch betont wurde. Danke.

Zwei Wochen nach der Trennung verschlug es mich nach Berlin. Ich schickte ihr Postkarten und Bilder, die ich eine Woche vor der Trennung noch von ihr machte. Mein Fehler: Die Postkarten beschriftete ich mit „Ich vermisse dich, du fehlst mir, ich liebe dich„. Die Reaktion war dementsprechend. Ich wurde verbal angegriffen; Absolut unpassende Worte.. Sie liebt mich nicht. Wie konnte ich es nur wagen, dieser Furie meine Liebe entgegenzubringen.

Sie wolle wieder glücklich werden und hätte viel „nachzuholen“.

Ein solcher Mensch hat meine Liebe nicht verdient. Ich kann kotzen. Einfach nur kotzen, dass ich nicht viel eher aufgewacht bin und den Schritt zuerst ging.

Hauptsache sie lag mir am Tag der Trennung noch heulend in den Armen und schluchzte „Meld dich bitte mal“ ins Ohr..

Jetzt frage ich mich: Wer ist hier der gestörte? Ich, der Aspie, der null Empathie besitzt und möglichst darauf getrimmt ist, das Uhrwerk geschmeidig am Laufen zu halten, oder die Neurotypische, vermeintlich psychisch unauffällige Person, die mich des Psychoterrors bezichtigt, selbst aber handelte, wie der Elefant im Porzellanladen?

So traurig ich bin, aber Ich bin frei. Auch ich habe ein Recht, wieder glücklich zu werden.

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Reflexion einer Misere

Mittlerweile liegt die Trennung drei Wochen zurück und ich schaffe es wieder, so langsam klare Gedanken zu fassen und die ganze Situation zu reflektieren.

Wie kann man einen Menschen, den man sechs Jahre kannte und fünfeinhalb Jahre an seiner Seite hatte, von jetzt auf gleich abschieben? Ihm alle Ablehnung entgegenbringen, die man sich nur vorstellen kann? Ich möchte gar nicht wissen, welch Abneigung sich nun angestaut hat, damit eine derartige Entscheidung so leicht ausgesprochen werden kann.

Ich bin kein Opfer der Trennung, ich bin der Grund.

Harter Tobak, wenn man versucht, es ständig allen Recht zu machen, aber dennoch irgendwie nicht das erreicht, was das Gegenüber sich vorstellt. Mittlerweile bin ich jedoch an einem Punkt angelangt, an dem ich die Trennung als eben solche sehe und auch für mich den finalen Schlussstrich gezogen habe. Das Vertrauen ist hinüber, die Hoffnung weg. Wie lange wurde ich belogen? Wie lange wurde ich schon nicht mehr geliebt?

Wozu etwas hinterhertrauen, was nicht mehr ist.

Retrospektiv betrachtet, fallen mir auch mittlerweile immer mehr Punkte auf, die in einer gesunden Beziehung einfach nie hätten sein dürfen. Wenn jemand starr und fest behauptet, eine Mutterrolle eingenommen zu haben, nur weil die Liebe, die man für diese Person empfand, einen dazu brachte, sein Leben komplett zu ändern, ist das nicht nur ein Unding, sondern Arrogant und Egozentrisch und verletzend, dem gegenüber, der durch die Liebe den Anlauf fand, sich zu entwickeln. Statt Anerkennung folgte nur noch Ablehnung. Von der Mutterrolle oder auch die Rolle des Therapeuten wurde gesprochen, ich als Marionette bezeichnet, die nur in Abhängigkeit von dieser Person existieren könne.

In den letzten beiden Jahren habe ich es erduldet, mich beschimpfen zu lassen, mit den Launen einer unberechenbaren Furie klarzukommen, die für jeden Fehltritt meinerseits – sei er auch noch so klein – ein Fass öffnete und mich als Idiot darstellte. Habe ich nicht rechtzeitig heruntergeschaltet, zu stark gebremst, zu langsam aufgeräumt, zu viele Fakten erzählt – oder auch einfach nur gegrübelt – war ich der Idiot, der nichts auf die Reihe bekommt und mal wieder in seiner eigenen Welt lebt.

Im letzten Jahr der Beziehung kamen körperliche Übergriffe hinzu, die man eher in das erste Kindergartenjahr einsortiert hätte, statt in die Beziehung zweier erwachsener Menschen; Kneifen und Beißen. Ersteres in Verbindung mit einem grenzdebilen, grotesken „ich muss mich rächen, du machst mein Leben kaputt“, unterlegt mit einem clownartigen Gelächter. Spätestens, als mein Körper von vielen blauen Flecken vom ständigen Kneifen übersät war, hätte ich zuerst die Reißleine ziehen müssen und merken sollen, dass dieses Verhalten eben keine Form der Liebkosung, sondern eine abgrundtiefe Verachtung darstellte.

Ich hatte schon lange den Wunsch, die Ketten zu sprengen, doch konnte ich mir das nicht eingestehen. Die Angst vor der Trauer, der Einsamkeit, dem Neuanfang und dem Kennenlernen fremder Menschen ließ mich jedoch immer erdulden, was mich innerlich zerstörte. Klar, die Liebe war da. Unbestritten konnte ich dies auch mit meinem Gewissen vereinbaren, dass ich diese Person als Seelenverwandte absolut und uneingeschränkt liebte und ich über viele Missständer duldend hinwegblickte. Auch wenn ich das als Autist sicher nicht so darstellen konnte, wie es ein Nicht-Autist sich wünscht.

Wenn ich eines nun gelernt habe: Liebe ist mehr als einen Menschen in sein Leben zu lassen, ihn als Seelenverwandten zu akzeptieren und mit ihm die kleinste, noch so banale Erfahrung zu teilen, ihn mit Nettigkeiten überhäufen, die man sonst nur für sich selbst aufwenden würde, sich diesem Menschen zu 100% hingeben und ausschließlich auf diese Person zu konzentrieren und alles andere auszublenden. Liebe bedeutet aber auch nicht, jede Form der Erniedrigung zu akzeptieren, nur um dem Gegenüber nicht vor den Kopf zu stoßen. Jedoch erweckt eben dieses Verhalten das Bild einer unselbstständigen Marionette, eines Waschlappen, den man beschimpfen kann.

Ich bin frei.

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