Neue Medikation..

Nachdem ich vor vier Wochen in einer Kurzschlussreaktion etliche Ärzte um Termine gebeten habe, konnte ich heute endlich meiner Neurologin/Psychiaterin einen Besuch abstatten. Es tat gut, die Gedanken einem Profi vermitteln zu können und entsprechendes Feedback zu ernten. Da ich übermorgen einen Termin zur Autismustherapie habe, wollte ich ihre Zeit nicht damit verschwenden, mich auszuheulen, sondern war primär wegen der Medikation dort.

Nachdem ich nun einige Jahre ganz gut mit Citalopram verfahren konnte, ist das Mittel bei mir nun relativ wirkungslos und führt nicht mehr zum gewünschten Erfolg. Bedingt durch die Rückschläge der letzten Wochen, begegnete ich depressiven Phasen, die ich schon seit Jahren nicht mehr kannte. Unter gegebener Medikation sah ich meine persönliche Zukunft in Gefahr. Der Gedanke, alles hinzuschmeißen wurde immer präsenter und führte in den letzten Wochen schließlich dazu, dass ich starke Leistungseinbußen in der Schule hatte.

Diese Abwärtsspirale konnte ich nicht weiter akzeptieren. Nach einem langen Gespräch entschloss sich meine Neurologin nun für einen Wechsel der Medikation auf Venlafaxin/Trevilor.

Doch bevor ich die Medikation beginnen kann, muss ich das Citalopram ersteinmal ausschleichen.. ein quälender Prozess, der mir vor einigen Jahren bei einem kurzzeitigen Wechsel auf Elontril schon sehr viel körperlichen, wie auch seelischen Stress bereitete.

Glücklicherweise geschieht das Ausschleichen dieses mal in recht kurzer Zeit, so dass ich in den nächsten zwei Wochen bereits das neue Medikament nehmen kann und die Gefahr des „Hängers“ nur auf wenige Tage beschränkt ist.

Dumm nur, dass ich momentan in der Klausurphase bin..

Weiterlesen

Resümee: November.

Mittlerweile ist die Fassungslosigkeit und Trauer der Wut gewichen. Die Gedanken sind gefasst und die Enttäuschung tat ihr bestes. Letztendlich ist Enttäuschung nur ein Akt, sich der Täuschung zu entledigen, der man lange Zeit erlegen war. Das Ergebnis: akzeptieren, reflektieren, realisieren. Wobei Akzeptanz immer wieder mit Kompromissen und Eingeständnissen einhergeht, mit denen man sich selbst als schwaches Glied dieser Kette offenbart. Ich akzeptierte in der Ohnmacht meiner Trauer den Verlust eines scheinbar liebenden Menschen, reflektierte mit der Enttäuschung und realisierte, dass diese Liebe nur noch ein Hirngespinst meiner selbst war, mich selbst in Hoffnung und Zuversicht suhlend, blindlings etwas nachzueifern, was schon lange nicht mehr existierte.

Ich hatte längst die Rolle des Hassobjektes eingenommen, fand mich scheinbar selbstlos damit ab, um ihr alles recht zu machen. Doch schüttete ich damit weiterhin Öl ins Feuer und erreichte genau das Gegenteil von dem, was ich mir vorstellte: Ich wurde beleidigt, als rückgratlos, als Memme, als Lappen bezeichnet. Mein Verhalten, nicht anecken zu wollen um der Person, von der ich glaubte, dass sie mich liebte, möglichst keine Last zu sein, wurde letztendlich als „feiges Kuschen“ bezeichnet. Selbst vor ihren Eltern nahm sie kein Blatt mehr vor dem Mund und bezeichnete mich immer öfter als Idiot, gar Vollidiot.

Ich hätte die Trennung von vornerein als Geschenk sehen sollen. Nein: Ich hätte diesen Schritt selber gehen müssen. Schon viel, viel eher, statt dieser Person auch nur eine Träne hinterherheulen zu sollen!

Wer nach 5 1/2 Jahren erst zu dem Schluss kommt, dass die Beziehung mit einem Asperger-Autisten nunmal anders verläuft, und dass ein Aspie im Bezug auf sozialer Interaktion nunmal unkonventionell agiert, handelt egoistisch und sadistisch, eine Beziehung unter gegebenen Fakten mir nichts, dir nichts mit fadenscheinigen Argumenten zu beenden.

Letztendlich diente ich nur noch als Sündenbock. War das Krebsgeschwür, das sie einschränkte, gar ihre Gesundheit belastete. Ich nahm es in Kauf gekniffen, in den Haaren gezogen und getreten zu werden. Aus Rücksicht vor einer fragilen Persönlichkeit, die ich mit meinem Aspergerverhalten nicht weiter strapazieren sollte. Doch als Sätze fielen wie „ich muss mich an dir rächen, du hast mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin, ich muss dir wehtun, dich kneifen„, hätte mir ein Licht aufgehen sollen. Ich war viel zu sehr in diesem Uhrwerk integriert, als dass ein Schlussstrich meinerseits jemals eine plausible Lösung für mich dargestellt hätte.

Ich trug die Schuld an ihrem Verhalten, an ihren Allergien, an ihren psychischen Ausfällen. Nur ich war es, der Fehler machte. Ich schaltete aus Faulheit nicht rechtzeitig in den nächsttieferen Gang und der Wagen begann zu blubbern: „Kannst du nicht Auto fahren? Hast du alles wieder verlernt? Bist du wieder in deiner Welt gefangen?“. Der Wagen machte laute Fahrgeräusche, die vom Fahrbahngrund her rührten: dito. Ich drehte mich um meine eigene Achse, ich hatte Entscheidungsschwierigkeiten, ich erzählte Fakten zu Dingen, die uns im Alltag begegneten, ich war einfach nur ich.. und wurde jedes Mal auf’s Neue beleidigt.

Ich war es, für den man sich rechtfertigen musste, ich war der Grund, weshalb sie sich vom sozialen Leben immer mehr zurückzog. Ich war einfach Schuld an allem. Ich war sogar Schuld an der Tatsache, dass sie mit meinem Freundeskreis nie richtig warm wurde. „Wenn man in eine Beziehung geht, verschmelzen die Freundeskreise beider Partner“ war ihre Ansicht. Da diese Person jedoch so dermaßen vorurteilsbehaftet und voreingenommen war, das absolut jeder in ihren Augen in irgendeiner Art eine Macke hatte, stand dies jedoch nie zur Option. Letztendlich war dies aber auch ein Argument das im Trennungsgespräch betont wurde. Danke.

Zwei Wochen nach der Trennung verschlug es mich nach Berlin. Ich schickte ihr Postkarten und Bilder, die ich eine Woche vor der Trennung noch von ihr machte. Mein Fehler: Die Postkarten beschriftete ich mit „Ich vermisse dich, du fehlst mir, ich liebe dich„. Die Reaktion war dementsprechend. Ich wurde verbal angegriffen; Absolut unpassende Worte.. Sie liebt mich nicht. Wie konnte ich es nur wagen, dieser Furie meine Liebe entgegenzubringen.

Sie wolle wieder glücklich werden und hätte viel „nachzuholen“.

Ein solcher Mensch hat meine Liebe nicht verdient. Ich kann kotzen. Einfach nur kotzen, dass ich nicht viel eher aufgewacht bin und den Schritt zuerst ging.

Hauptsache sie lag mir am Tag der Trennung noch heulend in den Armen und schluchzte „Meld dich bitte mal“ ins Ohr..

Jetzt frage ich mich: Wer ist hier der gestörte? Ich, der Aspie, der null Empathie besitzt und möglichst darauf getrimmt ist, das Uhrwerk geschmeidig am Laufen zu halten, oder die Neurotypische, vermeintlich psychisch unauffällige Person, die mich des Psychoterrors bezichtigt, selbst aber handelte, wie der Elefant im Porzellanladen?

So traurig ich bin, aber Ich bin frei. Auch ich habe ein Recht, wieder glücklich zu werden.

Weiterlesen

Reflexion einer Misere

Mittlerweile liegt die Trennung drei Wochen zurück und ich schaffe es wieder, so langsam klare Gedanken zu fassen und die ganze Situation zu reflektieren.

Wie kann man einen Menschen, den man sechs Jahre kannte und fünfeinhalb Jahre an seiner Seite hatte, von jetzt auf gleich abschieben? Ihm alle Ablehnung entgegenbringen, die man sich nur vorstellen kann? Ich möchte gar nicht wissen, welch Abneigung sich nun angestaut hat, damit eine derartige Entscheidung so leicht ausgesprochen werden kann.

Ich bin kein Opfer der Trennung, ich bin der Grund.

Harter Tobak, wenn man versucht, es ständig allen Recht zu machen, aber dennoch irgendwie nicht das erreicht, was das Gegenüber sich vorstellt. Mittlerweile bin ich jedoch an einem Punkt angelangt, an dem ich die Trennung als eben solche sehe und auch für mich den finalen Schlussstrich gezogen habe. Das Vertrauen ist hinüber, die Hoffnung weg. Wie lange wurde ich belogen? Wie lange wurde ich schon nicht mehr geliebt?

Wozu etwas hinterhertrauen, was nicht mehr ist.

Retrospektiv betrachtet, fallen mir auch mittlerweile immer mehr Punkte auf, die in einer gesunden Beziehung einfach nie hätten sein dürfen. Wenn jemand starr und fest behauptet, eine Mutterrolle eingenommen zu haben, nur weil die Liebe, die man für diese Person empfand, einen dazu brachte, sein Leben komplett zu ändern, ist das nicht nur ein Unding, sondern Arrogant und Egozentrisch und verletzend, dem gegenüber, der durch die Liebe den Anlauf fand, sich zu entwickeln. Statt Anerkennung folgte nur noch Ablehnung. Von der Mutterrolle oder auch die Rolle des Therapeuten wurde gesprochen, ich als Marionette bezeichnet, die nur in Abhängigkeit von dieser Person existieren könne.

In den letzten beiden Jahren habe ich es erduldet, mich beschimpfen zu lassen, mit den Launen einer unberechenbaren Furie klarzukommen, die für jeden Fehltritt meinerseits – sei er auch noch so klein – ein Fass öffnete und mich als Idiot darstellte. Habe ich nicht rechtzeitig heruntergeschaltet, zu stark gebremst, zu langsam aufgeräumt, zu viele Fakten erzählt – oder auch einfach nur gegrübelt – war ich der Idiot, der nichts auf die Reihe bekommt und mal wieder in seiner eigenen Welt lebt.

Im letzten Jahr der Beziehung kamen körperliche Übergriffe hinzu, die man eher in das erste Kindergartenjahr einsortiert hätte, statt in die Beziehung zweier erwachsener Menschen; Kneifen und Beißen. Ersteres in Verbindung mit einem grenzdebilen, grotesken „ich muss mich rächen, du machst mein Leben kaputt“, unterlegt mit einem clownartigen Gelächter. Spätestens, als mein Körper von vielen blauen Flecken vom ständigen Kneifen übersät war, hätte ich zuerst die Reißleine ziehen müssen und merken sollen, dass dieses Verhalten eben keine Form der Liebkosung, sondern eine abgrundtiefe Verachtung darstellte.

Ich hatte schon lange den Wunsch, die Ketten zu sprengen, doch konnte ich mir das nicht eingestehen. Die Angst vor der Trauer, der Einsamkeit, dem Neuanfang und dem Kennenlernen fremder Menschen ließ mich jedoch immer erdulden, was mich innerlich zerstörte. Klar, die Liebe war da. Unbestritten konnte ich dies auch mit meinem Gewissen vereinbaren, dass ich diese Person als Seelenverwandte absolut und uneingeschränkt liebte und ich über viele Missständer duldend hinwegblickte. Auch wenn ich das als Autist sicher nicht so darstellen konnte, wie es ein Nicht-Autist sich wünscht.

Wenn ich eines nun gelernt habe: Liebe ist mehr als einen Menschen in sein Leben zu lassen, ihn als Seelenverwandten zu akzeptieren und mit ihm die kleinste, noch so banale Erfahrung zu teilen, ihn mit Nettigkeiten überhäufen, die man sonst nur für sich selbst aufwenden würde, sich diesem Menschen zu 100% hingeben und ausschließlich auf diese Person zu konzentrieren und alles andere auszublenden. Liebe bedeutet aber auch nicht, jede Form der Erniedrigung zu akzeptieren, nur um dem Gegenüber nicht vor den Kopf zu stoßen. Jedoch erweckt eben dieses Verhalten das Bild einer unselbstständigen Marionette, eines Waschlappen, den man beschimpfen kann.

Ich bin frei.

Weiterlesen

der erste Schritt in Richtung Autismustherapie

Viel zu lange habe ich mir nicht eingestehen wollen, dass auch ich eine autismusspezifische Therapie benötige. Warum auch, ich funktioniere doch mittlerweile irgendwie. Und genau das ist der Fehler: sich selbst etwas mit Hilfe des Wortes „Irgendwie“ einzureden, ist nichts anderes, als sich selbst und geliebte Menschen zu betrügen. Irgendwie funktionieren heißt: nicht funktionieren, wenn es drauf ankommt.

Zwar habe ich vor meiner Diagnose etliche Psychiater, Neurologen und Psychologen aufgesucht, doch fand hier nur Psychotherapie zum Umgang mit den Symptomen statt. Depressionen, Angst vor sozialen Konfrontationen, die Unfähigkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.. Zwar halfen mir Gesprächstherapie und Medikamente, aus dem schwarzen Loch der Depressionen empor zu klettern eine Ausbildung zu absolvieren und (gemeinsame) Zukunftspläne zu schmieden, doch was bringt all dass, wenn man von der einen Seelenverwandten erfährt, dass der Autismus längst das zerstörte, wofür man sich einredete, jahrelang gekämpft zu haben: Die Beziehung.

Mit Autismus leben, heißt nicht nur, die Symptome zu bekämpfen. Psychotherapie ist sinnvoll und wichtig, doch wozu der ganze Aufwand, wenn die Fassade dahinter weitern dem schreckhaften Küken gleicht und bei der kleinsten Dissonanz in sich zusammenfällt, man dadurch zudem sinnloserweise den einen Menschen belastet, den man am meisten liebt, für den man eigentlich alles geben sollte? Wie kann ein Mensch das auf Dauer ertragen?

Seit dem mir vor etwas mehr als einem Jahr die Diagnose gestellt wurde, habe ich jegliche Aufforderungen in Richtung Autismustherapie ignoriert und im Keim erstickt. Nun habe ich die Konsequenzen zu tragen.

Mein Einsatz wäre die Autismustherapie, und der Wille an meinem Verhalten zu arbeiten, gewesen. Menschen verstehen, wie sie ein nicht-Autist versteht und lernen, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten um in Konfliktsituation mit seinem Geist umgehen zu können. Auf diesen Einsatz verzichtete ich und habe nun die Rechnung erhalten: Ich stehe vor dem Nichts, die letzten 5 1/2 Jahre wie ausgelöscht. Das alles, weil ich zu geizig und zu stolz war, meinen Einsatz zu leisten. You get, what you pay for…

Durch mich ging ein Ruck, den ich Anfangs in übertriebenen Dosen Psychopharmaka ersticken wollte. Doch mehr als ein knapp 48-stündiges Delirium zwischen Tagträumen und Koma, Kopfschmerzen und Schwindel sowie manisch-depressiven Phasen brachte mir dieser herzlose Versuch, meine Gedanken zu ordnen, nicht. Es wäre ja zu schön, sich auf ein Medikament zu verlassen, dass einem die Arbeit abnimmt. Kämpfen heißt nicht, sich passiv den Fakten hinzugeben, sondern aktiv etwas an seiner Situation zu verändern. Mittlerweile bin ich wieder klar bei Sinnen und habe meine Gedanken niedergeschrieben und sortiert.

Auch wenn es nur die Symptome bekämpft, habe ich mich bei allen behandelnden Ärzten gemeldet und Termine gemacht. Psychotherapie, eventuell eine höhere Medikation, das ganze Programm, wie es mich vor Jahren schoneinmal aus dem schwarzen Loch zog. Doch ist der entscheidende Punkt, dass ich mittlerweile gelernt habe, dass die Ursache das wichtigere Problem ist.

Ich habe das getan, wogegen ich mich seit meiner Diagnose vehement wehrte:

Ich bin bei einem Autismus-Therapie-Zentrum vorstellig geworden. Zwar erst telefonisch, doch erhalte ich in der nächsten Woche einen Termin zu einem Erstgespräch.

Es tut mir so unendlich leid, dass ich diesen Schritt so spät erst gehe..

Es tut mir so unendlich leid, dass ich durch mein Verhalten so viel zerstörte..

 

Weiterlesen

back in business

Mit dieser Seite gehe ich bewusst einen schmalen Grat. Einerseits ist es eine Methode zur Selbsthilfe, um intime Situationen bewusst zu reflektieren, andererseits ist es der Versuch, Aufklärung zu schaffen. Diese Seite ist im Netz öffentlich erreichbar, jedoch ist sie in einem Meer von Webseiten nur ein einziges Wassermolekül, die Nadel im Heuhaufen, und dadurch im weitesten Sinne geschützt durch die Anonymität der Masse.

In dieser schleierhaften Sicherheit wiegend, ist es mir auch bewusst, dass die Inhalte dennoch der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Hätte ich ein Problem mit dieser Tatsache, wäre eine Webseite sicherlich der falscheste Weg, den man zur Selbsthilfe gehen kann. Letztendlich lodert auch immer noch der Funke der Aufklärung im Hinterkopf.

Doch sah ich mich gezwungen, die Inhalte dieser Webseite in den letzten Tagen vorerst vom Netz zu nehmen und den Zugriff auf diese zu verwehren. Der Grund dazu war eine vollkommen individuelle Überreaktion meiner selbst, die für Außenstehende sicherlich nicht völlig nachvollziehbar war und gar mit Enttäuschung erwidert wurde.

Nach langem Nachdenken habe ich mich nun entschlossen, die Seite wieder völlig zu öffnen. Ich stehe zu meinen Gedanken und muss mich nicht verstellen oder gar für diese Schämen.

Sicherlich werde ich diese Situation irgendwann einmal in einem Text verarbeiten, dazu ist es jedoch noch zu früh und ich möchte niemandem vor den Kopf stoßen.

Weiterlesen

seit einem Jahr diagnostiziert: Was mir die Diagnose brachte.

Vor ziemlich genau einem Jahr erhielt ich meine Diagnose: F84.5, Asperger-Syndrom. Ein Scheitelpunkt meines Lebens, von dem für mich sogar etwas Revolutionäres ausging. Es war der metaphorische Mittelfinger gen alle, die mich bis dato aufgrund meiner Eigenarten und psychischen Probleme stigmatisierten, verurteilten, abstempelten und links liegen ließen.

Die Diagnose kam für mich nicht unerwartet. Ganz im Gegenteil: Sie war wie ein alter Freund, den man schon lang erwartete, für den man die Wohnung herrichtete und den besten Whisky bereitstellte, den die Hausbar hergab.

Den Grund der eigenen Umstände endlich in gedruckter, hochoffizieller Form vor sich zu halten und dadurch die Bestätigung jahrelanger Theorien zu erfahren, war der sprichwörtliche Befreiungsschlag für meine Psyche.

Anders als bei Kindern, bei denen die Diagnose mitunter Grundlagen für die Entwicklung bereitstellt, geschieht der Gang zur Diagnostik im Erwachsenenalter meist aus eigenem Interesse. Um etwas bestätigt zu wissen, was schon lang klar ist, um mit sich selbst im Reinen zu sein, um Zusammenhänge zu verstehen. Aber auch, weil sie in der Diagnose einen letzten Ausweg sehen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Viele – ich nenne sie einfach mal- funktionierende Autisten, die den Schritt erst im Erwachsenenalter gehen, sind angepasst und in ihrem Verhalten. Sie tragen tagtäglich eine Maske, die ihr eigenes Ich nach außen durch geschickte Schauspielerei kaschiert. Wer sich jedoch ständig verstecken muss, leidet. So ist es nicht selten, dass der Leidensdruck durch diese ständige Maskerade zu groß wird und das mühsam aufgebaute Gerüst irgendwann in sich zusammenfällt. Mit der Diagnose schafft man nicht nur Klarheit für sich selbst, sondern eine Grundlage für mögliche Therapien und gezielte Ansätze um sich selbst wieder auf den richtigen Weg zu lenken und das Leben in den Griff zu bekommen.

Heute weiß ich, dass mich der Autismus schon seit früher Kindheit begleitet. Er war es, der mir die Gummireifen eines Spielzeugautos aus dem Kindergarten in die Hosentaschen steckte, weil sich ihre Gummistruktur so wunderbar anfühlte. Auch war er es, der zornesgeladen eine geschenkte Schnittrose zerpflückte, weil an ihrem Stengel keine Blätter mehr waren. Vielleicht war er es auch, der sich nicht traute, andere Kinder anzusprechen, als es im letzten Kindergartenjahr mit einer Ferienfreizeitgruppe zu diversen Ausflugszielen ging.

Jedoch lernte ich die Macht, die er auf mich ausübte erst viel später kennen. Es sollte jedoch noch Jahre dauern, bis ich in Worte fassen konnte und mir bewusst wurde wer oder was diese Macht eigentlich war.

Seit dem Wechsel von der Realschule in die Oberstufe, vor rund 15 Jahren, bekam ich diese Macht zum ersten Mal bewusst zu spüren. Die drei Jahre im neuen Umfeld waren eine nicht enden wollende Qual, die letztendlich für mich zu keinem Ziel führte und den Anfang des (vorläufigen) gesellschaftlichen Endes manifestierten. In den folgenden Jahren dachte ich immer intensiver über das „Anderssein“ nach und geriet in eine Abwärtsspirale, die mich in jahrelange Depressionen versetzte und jeglichen Antrieb nahm. Fast die kompletten Zwanziger verbrachte ich nur mit wenigen sozialen Kontakten, eingeigelt in meinem sicheren Dachstuhl. Umgeben von Dingen, die meinen Spezialinteressen entsprachen: Computer, Pflanzen und Bücher.

Erst als ich mit 26 meine jetzige Freundin kennenlernte, begann ich mich wieder für meine eigene Zukunft zu interessieren. Sie trat mir sprichwörtlich immer wieder in den Allerwertesten und zwang mich zu dieser Auseinandersetzung mit mir selbst und das Leugnen meiner Umstände abzulegen.

Jedoch sollten noch zwei weitere Jahre vergehen, eh ich bereit dazu war, meiner Psyche auf den Grund zu gehen. Das Thema Asperger-Syndrom war damals für mich schon eine Vermutung, die sich durch Artikel, Reportagen und Selbsttests stützte. Das Wort selbst sprach ich allerdings nie aus. Unter dem Vorwand der Depressionen und der Sozialen Phobie begab ich mich in Therapie, um zumindest den ersten Schritt in Richtung Selbstfindung zu gehen. Gern hätte ich mir gewünscht, dass all die Ärzte, mit denen ich in den Jahren Kontakt hatte, von allein auf dieses – doch recht – Offensichtliche stießen.

Auch wenn die Therapie nicht primär am Autismus ansetzte, merkte ich doch einen psychischen Aufwind, der mich soweit festigte, dass ich a) immer noch mit meiner Freundin zusammen bin und ich b) endlich den Weg ins Berufsleben schaffte und mein Hobby (und Spezialinteresse) zum Beruf machte. Mit einer 1,0 in der Zwischenprüfung war es mir möglich, die Ausbildung zum Zierpflanzengärtner um ein komplettes Jahr zu verkürzen und beendete diese im Juli 2017, mit 31 Jahren, als Jahrgangsbester.

Asperger-Diagnose als letzter Ausweg

Doch eh es dazu kam, übermannte mich – trotz halbwegs stabiler Psyche – letztendlich doch wieder mein Autismus. Durch den Stress auf der Arbeit, bedingt durch ungewisse Arbeits-/Pausenzeiten, endlose Überstunden, sowie mangelnde Struktur im Ausbildungsbetrieb, erreichte ich bereits im ersten Lehrjahr abermals einen emotionalen Tiefpunkt, wie ich ihn seit Jahren nicht mehr erlebte. Die Psychotherapie half mir zwar in den Jahren zuvor, jedoch wurde mir letztendlich zu viel um den heißen Brei geredet. Mit der Hilfe meiner Freundin fasste ich schlussendlich den Entschluss, den Autismus endlich beim Namen zu nennen und machte einen Termin zur Diagnostik.

Noch im selben Jahr, gen Herbst 2016, begann für mich der Schritt in die Autismusambulanz an der LWL-Klinik in Dortmund. Es folgten dutzende Testbögen mit hunderten Fragen, Tests zum Sprachverständnis, Reaktionstests und letztendlich ein langes, tiefgründiges Gespräch, an dessen Ende die Diagnose stand: Asperger-Syndrom.

Mit diesen Worten, fühlte ich mich wie ein verpuppter Schmetterling, der seine hässliche, graue Puppe endlich verlassen und sich entfalten konnte. Das neue Leben feierte ich mit einer Pizza, die ich noch vor der Klinik im Auto aß und fuhr gen Heimat.

Wenige Tage später erreichte mich das schriftliche Gutachten, das die Grundlage jeder weiteren Vorgehensweise sein sollte. Neben einem Gesprächsprotokoll umfasste es sämtliche Testergebnisse, individuelle Empfehlungen für einen stressarmen Umgang und zudem eine Empfehlung für die Beantragung eines Schwerbehindertenausweises mit einem GdB von mind. 50.

Da der Diagnostik primär Probleme im Ausbildungsbetrieb vorausgingen, legte ich die Unterlagen am nächsten Tag beim Chef vor. Die Hoffnung, dadurch auf Besserung meiner Situation zu stoßen, war jedoch ein Trugschluss. Auch nachdem ich die Diagnose kundtat folgten Vieraugengespräche mit dem sinngemäßen Inhalt, ob ich denn immer aus der Reihe tanzen und anecken wolle. Abgesehen davon, dass das Arbeitsklima für mich nicht besser wurde und der Stress weiterhin stieg, beantragte ich schlussendlich den SBA. Für mich der absolut letzte Weg, um mein Ziel dennoch zu erreichen, um nicht zu scheitern. Zwar legte ich währenddessen eine 1,0 in der Zwischenprüfung ab und die schulischen Leistungen lagen auch im guten Einserbereich, doch zermaterte mich die Situation im Betrieb immer mehr.

Letztendlich erhielt ich den SBA nach wenigen Wochen und staunte über einen zugewiesenen GdB von 60. Zwar hatte ich lange Bedenken über mögliche Stigmatisierungen durch diesen Ausweis, jedoch hätte ich ohne diesen Weg meine Ausbildung trotz überragender Noten sicher kurz vorm Ziel abbrechen müssen. Der Fakt, dass man mich wissentlich, trotz bekannter Diagnose ins Messer laufen ließ, ließ mir jedoch absolut keine andere Möglichkeit, als meine Rechte durch den Schwerbehindertenausweis zu untermauern.

Mit einem GdB von 60 hatte ich demnach Anrecht auf geregelte Arbeitszeiten und brauchte keine Überstunden mehr machen. Die dadurch gewonnene Zeit, tat meiner Seele ungemein gut und ich konnte mich entsprechend kurieren. Da zudem die Verkürzung der Ausbildung (aufgrund der 1,0 in der Zwischenprüfung) genehmigt wurde, kam während der Zeit zusätzlicher Input auf mich zu, den ich jedoch – nicht zuletzt auch durch die mittlerweile geregelten Arbeitszeiten – entprechend gut verarbeiten konnte.

Als Jahrgangsbester legte ich die Abschlussprüfung ab – Und das als schwerbehinderter Autist mit einem GdB von 60, der bereits so oft an scheinbar Simplem scheiterte.

War mir nun die Diagnose brachte? Selbsterkenntnis und Sicherheit. Mit ihr und dem SBA habe ich ein Instrument, das meine Defizite annähernd ausgleichen kann, wodurch wieder Chancengleichheit entsteht. Zwar werden solche Nachteilsausgleiche von etlichen Menschen leider immer noch als unnötige Extrawurst gesehen, doch bezieht es sich auf Defizite, die einem Autisten das Genick brechen können. Hätte ich die Diagnose bereits vor 10 Jahren gehabt, wäre mein Leben sicherlich um einiges anders verlaufen.

Weiterlesen

aspienaut.de – Leben mit dem Asperger-Syndrom.

Als ich die Domain aspienaut.de im Januar 2017 registrierte, hatte ich eigentlich vor, zeitnah über meine Aspergerdiagnose zu schreiben. Damals befand ich mich jedoch im Endspurt meiner Ausbildung und hatte keinen Platz für einen weiteren Blog – auch wenn mich zu dieser Zeit sehr viele Themen berührten, die in direktem Kontext mit meinem Autismus standen.

Mittlerweile ist knapp ein dreiviertel Jahr vergangen und ich komme endlich dazu, das Thema Asperger-Syndrom in Worte zu fassen und die ersten Beiträge zu veröffentlichen. Im Zuge dessen habe ich mir auch die WordPress-Seite genauer angeschaut und diese soweit startklar gemacht und aktualisiert.

Nachdem ich 2016, mit 31 Jahren, meine Asperger-Diagnose gestellt bekam, fiel mir eine unbeschreibliche Last von den Schultern. Endlich hatte ich die Gewissheit für eine Vermutung, die sich bereits seit zehn Jahren wie ein roter Faden durch mein Leben zog.

Ich war immer schon anders, aber nicht anders genug, um tatsächlich auch nach außen auffällig anders zu sein. Als Kindergartenkind verschlang ich Lexika, interessierte mich bereits für Pflanzen und die Natur. Fasste gerne Dinge an, weil mich ihre Oberflächenstruktur faszinierte. Die Kindheit und Jugend verlief unauffällig. Ich galt schon immer als ruhig, introvertiert und intelligent.

Doch folgte irgendwann der Schulwechsel von der Realschule in die Oberstufe, der mein Leben nachhaltig veränderte. In der Oberstufe fasste ich während der drei Jahre nie wirklich Fuß und fiel mit 19 Jahren schließlich in ein schwarzes Loch. Mein Schutzschild, den ich mir seit Kindesalter unbewusst aufgebaut hatte, war den neuen Situationen nicht mehr gewachsen und fiel völlig in sich zusammen. Depressionen. Es folgte eine fast zehnjährige Phase mit nahezu völliger Gesellschaftlicher Isolation und selbstauferlegter Ausgrenzung, aus der ich es nur schwer herausschaffte.

Mit der Diagnose hatte ich endlich eine handfeste Erklärung für mein Verhalten, die nicht mehr ignoriert werden konnte.

Mittlerweile bin ich in einer langjährigen Beziehung, habe mein Hobby zum Beruf gemacht und die Ausbildung im Juli 2017 als Jahrgangsbester abgeschlossen. Ich stehe gesellschaftlich mitten im Leben und arbeite an meiner privaten, wie auch beruflichen Selbstverwirklichung.

Im Schreiben und Bloggen fand ich in den letzten Jahren einen Begleiter, der mir bereits in vielerlei Hinsicht half. Mit dieser Seite möchte ich Aufklären über ein Thema, das zwar mittlerweile eine gewisse Präsenz in den Köpfen vieler Menschen genießt, jedoch oftmals gar nicht wahrgenommen, im schlimmsten Falle gar falsch interpretiert wird.

Vielfach wird man als Asperger-Autist abgestempelt und in völlig falsche Raster einsortiert, ohne dass den Menschen das „Warum“ hinter all dem bekannt ist. Das Verhalten von Asperger-Autisten ist im sozialen Bereich anders und stößt oftmals auf Verständnislosigkeit. Nicht umsonst spricht man beim Asperger-Autistmus von einer unsichtbaren Behinderung.

Leider ist es für viele Menschen einfacher, Betroffene als arrogant und unfähig abzustempeln, statt den Grund ihrer Verhaltensweise in einer seelischen Behinderung zu sehen.

Man sieht Betroffenen ihren Autismus nicht an.

Weiterlesen