daily Brainfuck

Auch wenn es mir eigentlich gut geht und ich aktuell sogar sagen könnte, dass ich nicht unglücklich bin, ereilte mich heute wieder einmal eine sehr typische Situation, die mich aus der Bahn warf.

Seit Tagen schon war mir klar, dass ich heute für meine Mutter Solarlampen für den Garten kaufen wollte. Soweit so gut. Als ich mich morgens auf den Weg machen wollte, schrieb ich ihr kurz vorher noch, um mich zu vergewissern, dass ich die richtigen kaufen. Jedoch kam dann noch der Auftrag hinzu, nach einem Sonnenschirm zu schauen. Ein Sonnenschirm! Ein Sonnenschirm, den ich vorher inspizieren sollte (soweit kein Problem), wovon jedoch meine Kaufentscheidung abhängig sein sollte (großes Problem).

Was so banal klingt, hat mich komplett verwirrt. Da ich mich so sehr auf die Lampen versteift hatte, kam die Sache mit dem Schirm für mich wie eine Überraschung aus dem Nichts. Ich wusste nicht, damit umzugehen. Ein Sonnenschirm! Den ich auch nur mitbringen sollte, wenn er mir qualitativ zusagte. Zudem sollte er zu den neuen Stuhlauflagen passen..

Nachdem ich rund eine Stunde überlegte, was denn nun zu den neuen Stuhlauflagen passen könnte, war mein Gehirn so zermatert, dass ich mich mit Kopfschmerzen hinlegte und schlussendlich bis zum späten Nachmittag schlief. Das alles nur wegen eines Sonnenschirms..

Immerhin schaffte ich es noch, am frühen Abend ein halbes Dutzend der gewünschten Lampen zu besorgen und alibihalber nachzufragen, ob noch Schirme auf Lager sind.

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Das übliche Chaos zwischen Parkplatzsuche und Einkäufen.

Ich habe lang überlegt, ob ich den heutigen Beitrag zusätzlich in meiner Facebook Aspiegruppe des Vertrauens posten sollte. Einerseits erfährt man dort direktes Feedback, oftmals in sinnvoller Form, wie man es von Facebookgruppen eigentlich gar nicht gewohnt ist – andererseits überkommt es mich manchmal, meine Inhalte wieder zu löschen, wenn mich die Kommentarflut negativ triggert oder ich den Drang habe mich einfach aus der Diskussion auszuklinken. Ein relativ aspietypisches Verhalten, das jedoch kurioserweise dort nicht geduldet wird und bereits in der Vergangenheit zu Diskussionen führte.. Da diese Regelung einen schon sehr einschränkt, verzichte ich seit geraumer Zeit auf eigene Beiträge, auch wenn sie mir immer halfen, meinen Sichtweise zu einem Standpunkt zu hinterfragen. Schade!

Da ich heute einen Brückentag habe, versprach ich meiner Oma gestern, sie heute früh mit dem Auto abzuholen, um mit ihr in die Stadt zu fahren und mit ihr einzukaufen und Bankgeschäfte zu erledigen. Dort angekommen, erwartete mich das übliche Verkehrschaos in Form von Autoschlangen und Gehupe. Normalerweise kann ich solche Situationen ignorieren und fahre einfach durch – zudem drücke ich selber gern mal auf die Hupe, wenn mir etwas nicht passt, was sich vor meiner Stoßstange abspielt. Jedoch befand ich mich mitten im Getümmel und zudem auf der Suche nach einem Parkplatz. Geschlagene 20 Minuten fuhr ich durch die Innenstadt, um einen verdammten Parkplatz zu finden. Nichts. Mit jeder Minute wurde ich gereizter und aggressiver.

Während ich das fünfte Mal um den Marktplatz fuhr, fanden andere bereits Parkplätze, doch ich fuhr auch ein sechstes und siebtes Mal die selbe Strecke ohne Erfolg. Jedes Mal innerlich aggressiver, den Puls bereits am Hals spürend, den Drang, meinen Kopf aufs Lenkrad zu schlagen. Ich hatte meiner Oma versprochen, die Geschäfte mit ihr heute zu erledigen und habe mich vollkommen darauf eingestellt, dass ich sie zur Bank begleitete und anschließend in den Gemüseladen, um frischen Spargel zu kaufen. Eines habe ich jedoch nicht einkalkuliert: die Parkplatzsuche – und erst recht nicht die Tatsache, dass die Innenstadt an einem Montagmorgen so dermaßen verstopft ist.

Sollte die Fahrt in die Stadt umsonst gewesen sein? Auch sie merkte, dass ich langsam aber sicher „am Rad drehte“ und einfach nur noch „weg wolllte“. Raus aus dieser verstopften Innenstadt, in der die blechgewordene Anarchie wütete. Ich wollte raus aus dem Molloch, doch ich hatte meiner Oma etwas versprochen, das ich natürlich nicht im Sande verlaufen lassen wollte.

Glücklicherweise ergriff sie den Faden und schlug vor, zurück zu fahren, um auf dem Weg beim Supermarkt anzuhalten. Gesagt, getan. Doch auch hier erwartete mich eine ähnliche Szene, in der die Parkplatzsuche den Klimax der Handlung darstellte. Doch hatte ich hier etwas mehr Glück, als in der Innenstadt und erwische die letzte freie Parkbox.

Im Laden angekommen griff ich mir intuitiv einen kleinen Einkaufskorb, meine Oma jedoch wollte einen Wagen holen. Die Idee redete ich ihr aus und stellte den Einkaufskorb als viel praktischeres Transportmittel dar. Jedoch fiel mir erst hinterher ein, dass sie sich wahrscheinlich am Wagen aufstützen wollte und ihr das Laufen dadurch leichter fiel. Egoistisch wie ich bin, bestand ich jedoch auf meinen Einkaufskorb und raste in den Laden. Das schlechte Gewissen kam schleppend. Ich versuchte noch während des Einkaufes sie davon zu überzeugen, ihr einen Wagen zu holen. Doch sie schlug aus. Dieser Gedanke brannte sich in mein Gehirn und ich überdachte ihn in jeglichen Variationen: Weshalb war ich so blind und kam nicht vorher drauf, dass sie den Wagen vielleicht als Gehhilfe nutzen wollte? Wozu sollte man sonst einen Wagen nehmen, wenn man eh nur 3 Teile kaufen möchte? Ich fühlte mich so dermaßen dämlich und hätte mich selber in den Hintern treten können.

An der Wursttheke angekommen, wartete ich in zweiter Reihe, während meine Oma ihre Wurst kaufte. Ich beobachtete die Situation, wie ich es am besten kann: Als Außenstehender. Ich analysierte die Bedienungen und musterte jede ihrer Bewegungen. Eine Frau fiel mir besonders negativ auf: Im Gegensatz zu den anderen dreien, trug sie nur einen Gummihandschuh. Die rechte Hand war unbekleidet und griff immer wieder abwechselnd unbewusst an ihre Haare und an die Wurst, die sie aus der Auslage nahm. Mit der nackten Hand, mit der sie sich eben noch durchs Haar fuhr, ergriff sie den Kochschinken und wühlte in dem Stapel geschnittener Scheiben wie in einem Buch, in dem sie eine Seite suchte. Ich versuchte meine Oma aus dem Off ständig darauf hinzuweisen, doch sie war viel zu sehr vertieft in ihre Bestellungen und Smalltalk mit den anderen Kundinnen, die an der Theke warteten. Nachdem nun auch die zweite Wurstsorte von der Bedienung mit der ungeschützten, keimverseuchten Hand angefasst wurde, platzte mir der Kragen und ich fuhr sie lautstark an. Ich hätte am liebsten den Einkaufskorb samt Inhalt in die Wursttheke geschmissen. Sichtlich peinlich ergriffen entschuldigte sich die Bedienung, wusch sie die Hände, zog sich zwei neue Handschuh an und verpackte die Wurst erneut, während sie sich weiterhin für ihr Verhalten entschuldigte. Ich merkte gar nicht, wie sehr ich die Blicke auf mich zog, als ich das Verhalten der Bedienung als Widerlich und Ekelhaft bezeichnete. Wie selbstverständlich nahmen alle anderen Kunden es duldend hin, Wurst verpackt zu bekommen, die mit nackten Händen angefasst wurde. Ich fühlte mich in dem Augenblick sicherlich genau so schlecht, wie die Bedienung, die ich bloßstellte.

Während meine Oma weiter einkaufte, zog ich mich zurück und fühlte mich wie ein Angeklagter, der von allen Seiten angestarrt wurde. Im Auto angekommen, versuchte ich meiner Oma die Situation und den Auslöser dafür zu schildern. Sie stimmte mir zwar zu, doch fühlte ich mich immer noch seltsam.

Eigentlich ist es gar nicht meine Art, mich lautstark in der Öffentlichkeit über andere zu echauffieren. Im Augenblick tat es wirklich gut und ich fühlte mich selbstbewusst und sicher – auch wenn hinterher seltsame Schuldgefühle einsetzten.

Die Vorfälle am Morgen führten dazu, dass ich mich hinlegen musste und den ganzen Nachmittag verschlief. Ich schreibe diesen Text um 18:18. Etwa sieben Stunden nach den geschilderten Vorfällen und jetzt ärgere ich mich darüber, dass ich meine Kritik nicht eloquenter Argumentierte. Doch sie war aus mir herausgeplatzt, ohne vorher zu überlegen.

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Ein Tag, wie er schlimmer nicht hätte sein können.

Da mir durch die Trennung nun auch die Vertrauensperson fehlt, der ich sämtliche Gefühle und Erlebnisse anvertrauen konnte, versuche ich nun, diese für mich hier niederzuschreiben. Auch wenn das „für mich“ nun suggeriert, ich suhlte mich hier in einer Anonymität, ist mir doch durchaus bewusst, dass diese Seite im Internet verfügbar ist. Jedoch bin ich bereit, meine autistischen Erfahrungen zu teilen. Denn genau dies war der Grundgedanke dieser Seite. „Für mich“ bedeutet in dem Kontext viel mehr, dass ich für mich einen Nutzen aus dem Niederschreiben meiner Gedanken ziehen kann. Ich erhalte zwar keine Antwort eines Gegenübers, doch kann ich beim Schreiben Situationen reflektieren, diese für mich überdenken und womöglich ein Fazit ziehen, das mir hilft, besser mit Situationen umzugehen.

Der heutige Tag war geprägt von solchen Situationen, die mich wieder einmal fest in ihren Händen hielten. Schon am Vormittag war ich wieder so fertig und müde von all den Menschen, die in der Schule um mich herum agierten, dass ich bereits um 11 Uhr während des Unterrichts einschlief. Auch wenn die letzte Opipramol zu dem Zeitpunkt bereits 16 Stunden zurück lag und ihre volle Wirkung während der Nacht entfaltete, fühlte ich mich, als setzte die Wirkung just in diesem Augenblick ein. Die Lider schwer wie Blei, die Gedanken abseits der Spur in einem Nebel aus Geräuschen und Gerüchen, vegetierte ich in den Vormittag hinein, eh ich mich zwei Stunden vor Schulschluss austragen ließ und ging.

Ich ging jedoch nicht, weil ich nicht mehr konnte, sondern vielmehr, weil heute ein wichtiger Termin anstand: Das Erstgespräch der Autismustherapie. Da ich dort keineswegs zu spät kommen wollte, hielt ich es für nötig, die Schule eher zu verlassen. Ein gut durchdachter Plan meinerseits.

Ich fuhr schnell nach Hause, zog mich um und setzte mich direkt wieder ins Auto, Richtung Therapiezentrum. Die Fahrt war geprägt von Abwesenheit und ich zermaterte mir den Kopf mit Gedanken, die sich nicht ausblenden ließen. Ich verpasste die Ausfahrt der Autobahn, geriet in einen Stau.. schaffte es jedoch noch rechtzeitig zur besagten Adresse. Dort angekommen, jedoch das Debakel schlechthin: weit und breit keine Parkmöglichkeiten. Zudem war die Hauptstraße, an der die Einrichtung lag, so stark befahren, so dass ich nicht langsam nach etwaigen Parkmöglichkeiten auf dem Gelände ausschau halten konnte. Ziellos fuhr ich weiter, den Schweiß auf der Stirn stehen, die Gedanken im Gehirn hämmernd. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte.

Nur noch zehn Minuten bis zum Termin. Ich fuhr mehrfach um den Block. Kein Parkplatz.

In meiner Verzweiflung wollte ich schon unverrichteter Dinge den Heimweg antreten und mich hinterher telefonisch über die Parkplatzsituation beschweren, bis vor mir jemand aus der Parklücke einer Seitenstraße fuhr. Mittlerweile hatte ich zehn Minuten Verspätung.

Ich hastete ins Gebäude, zitternd und stotternd klingelte ich und wurde erstaunt empfangen..

Man hätte mich am heutigen Morgen schon versucht zu erreichen und sprach mir auf den Anrufbeantworter, dass die besagte Therapeutin heute nicht komme, da sie krank sei.

Ernsthaft?

Ich habe eher Feierabend gemacht, bin wie ein Irrer auf der Parkplatzsuche gewesen, hätte dabei am liebsten mein Auto vor lauter Wut zerlegt, um festzustellen, dass der Tag eigentlich ganz anders hätte verlaufen können?

Ich fuhr zurück.

Auf dem Rückweg fuhr ich bei der Poststation vorbei um ein Paket abzuholen, das mit einem Abholschein am Samstag angekündigt wurde. Nach schier endlosen Minuten des Wartens die Erkenntnis: Wir haben ihr Paket gar nicht, aber wir telefonieren mal ‚rum!

Ich hätte innerlich platzen können, hätte am Liebsten den Kopf gegen die Wand geschlagen. Es war scheußlich!

Letztendlich wurde ich auf eine weitere Poststation in einem anderen Stadtteil verwiesen, die der Paketzusteller komischerweise aufsuchte.. Warum diese Poststation, obwohl sie gar nicht in meinem Zustellungsbereich lag?

Zuhause angekommen, legte ich mich hin und verschlief den Rest des Tages, bis ich nun um 22 Uhr diesen Text schrieb.

ps.

Wenn nun jemand neugierig ist, was in dem Paket war: Click.

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Müde durch erzwungenen sozialen Umgang in der Schule?

Ein Phänomen, das mir seit meiner Ausbildung immer wieder auffällt: Nach gewissen sozialen Situationen bin ich körperlich, wie auch geistig völlig ausgeknockt.

Es fing an, dass ich mich damals an Berufsschultagen bereits am frühen Nachmittag schlafen legen musste und teils bis zum nächsten Morgen durchschlief. Bisweilen war die Müdigkeit so extrem, dass ich mitunter sogar schon im Unterricht einschlief und nichteinmal Koffein der Müdigkeit entgegensteuern konnte. Die anschließende 60km lange Heimfahrt von Wesel nach Essen gestaltete sich an solchen krassen Tagen dementsprechend als Kamikazetripp, der glücklicherweise immer ein gutes Ende nahm.

Zu Zeiten der Ausbildung suchte ich die Ursache dieser Müdigkeit nicht in den Schulbesuchen, sondern in der anstrengenden und langen Arbeit. Bei teils 14 Stunden pro Tag und mitunter 6- oder 7Tage Wochen, war es für mich naheliegend, dass ich mich einfach regenerieren musste. Die freien Nachmittage boten mir dazu augenscheinlich die einzige Möglichkeit.

Nach Abschluss meiner Ausbildung erlebe ich zur Zeit ein weiteres schulisches Intermezzo. Momentan mache ich im zweiten Bildungsweg mein Abitur nach und befinde mich wieder in einer ähnlichen Situation, wie sie mich zu Berufsschultagen übermannte.

Nach dem Stress, den ich in der Ausbildung kennenlernte, konnte der Schulstress nichtinmal annähernd so schlimm sein. Fakt. Der Schulstress hält sich trotz des arg komprimierten Zeitraumes von nur 8 Monaten deutlich in Grenzen. Um genauer zu sein, verspüre ich ein exakt gegenteiliges Gefühl, nämlich geistige Forderung, die mich von grundauf positiv stimmt.. Wäre da nicht die Tatsache, dass man in der Schule nunmal mit vielen Menschen in einem Raum sitzen muss und mitunter sogar zu Gruppenarbeiten gezwungen wird.

Es ist wie an den schlimmsten Tagen zu Berufsschulzeiten. Die Müdigkeit kommt im Laufe des Vormittags schleichend und legt sich wie eine schwere Decke auf mich. Im Unterricht bin ich zum Glück bislang nur ein einziges Mal eingeschlafen und bekomme doch irgendwie immer alles mit. Aber kaum daheim, halte ich es keine Stunde mehr im wachen Zustand aus und suche die Horizontale auf. An arbeiten und Hausaufgaben gar nicht zu denken.

Bliebe es bei einem kleinen Mittagsschläfchen, würde ich nicht klagen. Aber die Müdigkeit ist so heftig, dass ich nichtmals den Wecker höre, der meist auf zwei Stunden gestellt ist. Nicht selten schlafe ich 5-7 Stunden, teils bis 20/22 Uhr. Danach bin ich fit. So fit, dass ich meine Hausaufgaben in wenigen Minuten in Semi-Perfektion auf Papier bringen kann.

Zu Anfang zwang ich mich noch, allerspätestens gegen Mitternacht erneut schlafen zu gehen, doch mittlerweile leidet der Rhythmus. Ein Teufelskreis.

Müde durch sozialen Umgang in der Schule?

Die Ursache des Ganzen vermute ich in der Situation im Klassenraum, bzw. in der Schule. Hunderte Menschen auf engstem Raum. Da ist an aspergerkonformer Entspannung nicht zu denken. Die Eindrücke prasseln ungefiltert auf einen nieder. Lärm in den Pausen, Lärm in der Klasse; Getuschel, Gelächter, ignorante Spätpubertierende, die sich jeder Aufforderung seitens des Lehrpersonals widersetzen und in allen Fällen das letzte Wort an den Tag legen müssen. Eine Situation, die ich nur schwer ertrage, die so sehr gegen meine Grundfesten agiert, dass ich bereits zu Unterrichtszeiten in Verhaltensanalysen versinke und mich von banalen Faktoren ablenken lasse.

Doch das Glück ist auf meiner Seite, denn – so denke ich an meinen letzten Vollzeitschulbesuch zurück – kann ich mit vielen Situationen viel sicherer umgehen und weiß, dass ich nicht einknicken brauch. Ich bin stark, ich habe Ziele. Ziele die ich erreiche. Nicht durch meinen Autismus, sondern durch meine geistige Stärke, meinen Intellekt. Man entwickelt Strategien, die einem die Scheu vor dem täglichen Aufschlagen in dieser Lehranstalt nimmt.

Doch eines habe ich bislang noch nicht in den Griff bekommen: die Müdigkeit, die der Auffenthalt in einer solchen reizüberfluteten Umgebung mir beschert.

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Soziale Netzwerke als Stressquelle für Autisten

Soziale Netzwerke sind toll, sie sind mittlerweile Bestandteil unserer Gesellschaft und ein einfacher und schneller Weg der Vernetzung. Mit ihnen kann man Kontakte aufrecht halten, Informationen finden und sich und seine Ergüsse einer scheinbar interessierten Masse präsentieren.

Letzteres ist natürlich ein komplexes Thema. Auf die Gelegenheitsnutzer, die alle paar Tage bis Wochen ein Bild hochladen oder einen kurzen Status durchgeben, oder auf die Aufmerksamkeithaschenden, die ihr Privatleben in die Öffentlichkeit verlagern, und sich mit Kleinigkeiten profilieren, möchte ich nun gar nicht eingehen.

Jedoch auf die Anderen, die Kreativen, die Texte schreiben, die Wissen teilen, die Musik produzieren, die fotografieren. Eben jene, die soziale Netzwerke als Verbreitungskanal für ihre Ergüsse nutzen. Sei es nun kommerziell oder privat.

Plattformen dafür gibt es mittlerweile zuhauf. Sie heißen Facebook, Instagram, Twitter, wie auch immer. Was jedoch allen Platformen gemeinsam ist, ist das Konzept der Vernetzung in Form von Abonnements von Inhalten, oder dem Folgen dieser.

Wer solche Profile betreibt oder verfolgt, kennt das System, das Menschen zu leeren Zahlen macht.

Die einen entwickeln ein Suchtgefühl und beginnen sich und ihren Erfolg in diesen Zahlen zu messen, die anderen sehen diese Zahlen ganz pragmatisch eben nur als solche.

Soziale Netzwerke als Stressquelle für Autisten

Als Autist können soziale Netzwerke einem in vielerlei Hinsicht das Hirn zermatern.  Eher selten – bislang habe ich in noch keiner Autismusgruppe/ in keinem Autismusforum darüber gelesen – in meinem Falle aber zutreffend, ist es aber die Dynamik dieser Zahlen an Abonnenten, die solche Netzwerke nicht unbedingt als autismusfreundlich deklariert.

Menschen folgen, Menschen entfolgen. Inhalte sind beliebig und austauschbar. Ebenso die Profile, denen man folgt. Man entscheidet sich „aus dem Bauch heraus“, wem man folgt und entfolgt ebenso spontan.

Für einen nicht-Autisten sicher eine Thematik, die es zu analysieren gar nicht wert ist. Es ist, wie es ist. Für mich jedoch eine Sache, die mich immer wieder dazu bringt, intensiv drüber nachzudenken, warum mir Leute folgen, diese augenscheinlich Interesse haben, dann aber binnen kürzester Zeit wieder aus der Liste der Abonnenten verschwinden und diese eine Zahl, an die man sich just wieder gewöhnte, wieder verändern.

Selbst aus der eher speziellen Sicht eines Aspergers gibt es dafür Gründe, die auch nicht-Autisten wahrscheinlich unterstreichen würden:

  • Ein Profil wirkt auf dem ersten Blick interessant, entpuppt sich aber aus subjektiver Sicht im Nachhinein als langweilig.
  • durch das Folgen wird der Profilbetreiber informiert und die Aufmerksamkeit soll auf den neuen Abonnenten gelenkt werden – möglicherweise damit man selbst diesem folgt.

Was den meisten aber gar nicht bewusst ist – und selbst wenn es bewusst wäre, wahrscheinlich sowas von unwichtig erscheint, ist eben das Thema mit der ständig veränderbaren Zahl an Abonnenten. Eine schöne glatte Zahl, eine Schnapszahl, eine persönlich interessante Zahl – oder eben eine Zahl, die sich nicht schlagartig verändert, hat etwas Magisches.

Es ist vergleichbar mit der Lautstärke am Fernseher, die man gern – sei es bewusst oder unbewusst – auf eine gerade Zahl stellt. Oder manch einer Routine, die sich nicht ändern darf.

Hierbei geht es um ein Wohlgefühl, dem ein Unbehagen gegenübersteht. Im konkreten Bezug auf die sozialen Netzwerke auch teils Unverständnis über das Verhalten der Menschen.

Als treuer Leser von Gebrauchsanweisungen und Handbüchern, plädiere ich für folgenden Satz als Bestandteil einer Bedienungsanleitung in Bezug auf Verhaltensregegeln im Umgang mit Aspergern:

„Achtung, User ist Autist! Bitte nur folgen/abonnieren, wenn dauerhaftes Interesse am Verfolgen der Inhalte besteht. Bitte nicht durch kurzfristiges Folgen/Entfolgen unnötigen Stress aussetzen“

Abgesehen davon, dass der gewöhnliche Netznutzer eh lesefaul ist, ist es fragwürdig, wie ein solcher Satz überhaupt auf Außenstehende wirkt. Sicher ist es naiv zu glauben, das Problem dadurch zu lösen. Jedoch schmeichelt es dem eigenen Gewissen, zu wissen, einen Schritt in Richtung Aufklärung zu gehen.

q.e.d.

Nachtrag (09.10.17):

Nachdem ich das Thema in diversen Aspergergruppen auf Facebook ansprach, fielen die Reaktionen gespalten aus. Ich erwartete eher Zuspruch, dass eben dieses Phänomen der sich ständig ändernden Zahlen weiter verbreitet sei. Jedoch hat kaum jemand mein Anliegen verstanden und ich wurde als „Followergeil“ abgestempelt, als jemand, der sich über die Anzahl der Follower definiere..

Die absolut unpassendste Reaktion war der Einwand, dass man bei Facebook eh keine Followerzahlen sehe, aber auch der schlaue Ratschlag, nur Freunde, die man wirklich kennt, aufzunehmen wurde gegeben..

Ich betone nochmal, hier geht es nicht um „Freunde“, oder irgendwelche Follower, die plötzlich fehlen. Hier geht es ausschließlich um die Dynamik dieser Zahl – der Anzahl, die mich stresst. Eben aus diesem Grund habe ich seit 2004 die selbe Handynummer.

Sind Autisten eigentlich immer so dermaßen anstrengend? Bin ich etwa auch so schlimm? Wenn ich lese, wie ich mich über Kleinigkeiten aufrege und davon leiten lasse, anscheinend ja.. 😉

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