Kurzschlussreaktion: Job geschmissen

Am 23. März veröffentlichte ich einen Beitrag mit dem Titel „Job weg“. Damals steigerte ich mich, aus einer Panik heraus, in eine Gedankenwelt, in der ich um meinen Nebenjob bangte. Meine Gedanken sind jedoch meist oft ausschweifender und weitaus komplexer, als die Realität. Daher war die damalige Ansage, dass mein „Job weg sei“ doch nur eine Fehleinschätzung.

Anders jedoch nun.

In einer Kurzschlussreaktion habe ich Dienstag tatsächlich meinen Job geschmissen. Ich bin einfach nicht hingegangen und habe sämtliche Nummern das Arbeitgebers gesperrt, um ja nicht mit Telefonaten konfrontiert zu werden. Die Kündigung wird wohl zeitnah eintrudeln.

Sicher nicht die feine Art, aber den Kopf in den Sand stecken kann ich ziemlich gut, wenn ich rückblickend mein bisheriges Leben betrachte. Ob Arbeit, Menschen oder andere Situationen: Manchmal hilft nur die Flucht, einen Strich drunter setzen, ohne sich weiter mit dem Thema befassen zu müssen. Frei nach dem Sprichwort: Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.

Ich wollte eh weg aus dieser Firma, da das Umfeld einfach destruktiv war und ich in dem Chaos keinen Platz für mich fand. Von daher kein all zu großer Verlust für mich, der auch finanziell irgendwie zu schaffen sein sollte. Jedoch eine etwas suboptimale Handlung meinerseits, dies so spontan und ohne jeglichen Backup zu vollziehen..

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2 Jahre nach dem Neustart meines Lebens. Wo stehe ich jetzt?

Heute vor zwei Jahren zog ich nach Osnabrück. Bei der Immatrikulationsfeier, 4 Tage später, sprach der Dekan „Freuen Sie sich auf die nächsten Jahre. Man sagt, das Studium sei die schönste Zeit des Lebens“.

Was ich bislang aus diesem Satz mitnehmen konnte? Nichts.

Vor zwei Jahren nahm das Martyrium seinen Lauf. Der Umzug und das Studium sind – nüchtern betrachtet – meine größten Fehler seit 2002. Es sollte ein Weg in ein neues Leben werden, um die Trennung zu überwinden und einen kompletten Neuanfang meines Lebens zu vollziehen, wurde aber der Weg in meine größte soziale Isolation seit 2005. Die Trennung habe ich überwunden, die Einsamkeit nicht. Ich habe einfach keine Energie mehr und fühle mich ausgebrannt, bin mal wieder an einem Tiefpunkt, wie ich ihn lange schon nicht mehr erlebte.

Deja-vu. 2002 war es ähnlich. Nach der Realschule wollte ich unbedingt das Abi machen. Ich fand keinen Anschluss, ich war allein, das neue Umfeld überforderte mich und ich quälte mich drei Jahre erfolglos durch den Äther, blieb zwei Mal sitzen und ging 2005 nach drei verschwendeten Jahren ohne Abschluss ab. Es folgte jahrelange soziale Isolation und Arbeitslosigkeit, verließ teils über Wochen nicht mein Zimmer – allerhöchstens nachts. Erst als ich 2012 mit meiner Ex zusammenkam, ging es bergauf. Zum ersten Mal fühlte ich mich verstanden und nicht stigmatisiert. Ich schöpfte Energie, wie ich sie vorher nicht kannte. Jedoch vergingen drei weitere Jahre im Kampf mit mir selbst und der Konsultierung sämtlicher Ärzte und Therapeuten, um 2015 endlich dort anzuknüpfen, wo ich 2005 aufhörte;

Es folgten Ausbildung und Abi im zweiten Bildungsweg binnen 3 Jahren, beides als Jahrgangsbester, ersteres sogar mit namentlicher Erwähnung in einem Zeitungsartikel. Ich war auf einem Höhenflug und konnte zum ersten Mal mein volles Potential schöpfen.

Ende 2017 dann der unvermeidbare Augenblick, der mich bis dato nur in meinen schlimmsten Albträumen heimsuchte: die Trennung – nach fast 6 Jahren wieder irgendwie allein klarkommen. Wieder ein tiefer Einschnitt meines gewohnten Alltags, der mich völlig verwirrte und aus der Bahn werfen sollte. Jedoch hatte ich noch genug Energie, um das Abi 2018 noch zu meiner Zufriedenheit zu beenden. Zum Glück, denn die Energie verließ mich kurz darauf.

Der Umzug nach Osnabrück sollte mein Neuanfang sein, um die alten Probleme abzustreifen und neue Energie zu finden. Ein Reboot des Lebens. Berufliche und soziale Neuordnung. Letztendlich sind nur neue Probleme hinzugekommen. Ich habe mich freiwillig und bewusst einer Veränderung meiner Lebensumstände unterzogen, obwohl mich in der Vergangenheit schon viel kleinere Veränderungen aus der Bahn geworfen hatten. Zurück ist aber keine Option.

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Rückblick.

Puh, ich lebe noch. Tatsächlich. In den letzten Monaten sind meine psychischen Probleme wieder stärker geworden – einzig durch äußere Faktoren (Dazu aber gleich mehr). Zwar bin ich nun erfolgreich vom Venlafaxin weg, was auch mit Abstimmung meiner Neurologin relativ unkompliziert ging, doch öffneten sich währenddessen wieder andere Baustellen.

Zum Einen war ich äußerst froh und voller Energie, als ich mein Leben wieder ohne die Fremdbestimung durch Psychopharmaka leben konnte: Während der Sommermonate habe ich viele Möglichkeiten gefunden, mich abzulenken, meinen Körper irgendwie zu pushen, bis ich einfach gar keine Zeit und Gedanken mehr für Depressionen hatte. Durchs exzessive Radfahren und ständiges Unternehmen von Ausflügen habe ich da ein probates Mittel gefunden, um über die Runden zu kommen.

Doch soviel zu den positiven Seiten.

Durch die auslaufende Bafögbewilligung musste ich den Antrag erneut einreichen. Dieses Mal jedoch – bedingt dadurch, dass ich im Studium meilenweit hinterherhinke – mit großem bürokratischen Akt.

Ich will jetzt auch gar nicht so weit ins Detail gehen. Durch mehrere Missverständnisse und Fehlkommunikation seitens Fakultätssekretariat und Bafögamt, war die Bewilligung ein vermeidbarer Stressfaktor, der mich an meine Grenzen brachte. Oft schlief ich nächtelang nicht und heulte einfach nur, weil man mir – so fühlte es sich an – unnötig und absichtlich Steine in den Weg legte.

Es fing damit an, dass ich vom Bafögamt eine Frist gesetzt bekam, an die sich das Sekretariat nicht halten wollte/konnte. Zudem erhielt ich vom Sekretariat ein Formular, das unvollständig ausgefüllt war, auf dem der Stempel fehlte. Viele Kleinigkeiten, die sich zu einem riesigen Stressberg summierten.

Letztendlich erhielt ich eine finale Deadline vom Bafögamt per 13. August. Am 10. August fand ich endlich das besagte Formular aus dem Sekretariat bei mir im Briefkasten.. Obwohl ich drum bat, es persönlich abzuholen, schickte man es dennoch stur per Post, wodurch ich die Frist nahezu vollends ausreizen musste.

Schlussendlich wurde aber alles bewilligt und die Finanzierung meiner nächsten beiden Semester ist erstmal geklärt. Im nächsten Jahr muss ich mich dann um eine andere Geldquelle bemühen und mindestens halbtags arbeiten, um den Bedarf zu decken. Aber das sollte eigentlich zu schaffen sein – Sofern ich einen neuen Job finde. In der Spedition möchte ich nämlich beim besten Willen nicht länger als nötig arbeiten. Zu viele Stressfaktoren, zu viele Reize.

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Job weg..

So wie es aussieht, habe ich nun meinen Nebenjob verloren.

Wieso? Weil ich telefonieren müsste.

Neben meinem Studium arbeite ich in einer Spedition als Staplerfahrer auf 450Eur Basis. Gegen Ende des Monats muss man dort im Büro vorstellig werden, um die Termine für die Arbeitszeiten des folgenden Monats zu klären.

Der Kollege im Büro ist seit letzter Woche nicht da (war nun mehrfach persönlich im Büro wegen meines Anliegens) und die Vertretung war im Lager unterwegs. Da ich heute außerhalb meiner Arbeitszeiten dort war, hatte ich demnach keine Sicherheitsschuhe dabei. Das Problem: Das Lager darf man nur mit Sicherheitsschuhen betreten. Hatte also keine Möglichkeit den Kollegen persönlich zu erreichen. Auf Nachfragen im Büro sagte man mir nur, ich solle mich telefonisch an den Büromenschen wenden, der seit Tagen im Homeoffice ist.

Telefonisch. Ich telefoniere nicht – zumindest nicht in meiner aktuellen mentalen Verfassung (Erläuterung folgt unten). Ergo habe ich keinerlei Arbeitszeiten für den nächsten Monat.

Es ist irrational, aber ich weiß genau, dass ich kein Wort herausbringen würde, wenn ich dort nun anrufe..

Ich drehe mich gerade völlig im Kreis. Könnte ausrasten. Vor 2 Wochen verstarb meine Oma unverhofft. Das heißt, ich muss in der Heimat noch so viel regeln und erledigen – ganz abgesehen von meiner emotionalen Situation in der ich mich befinde. Dann das Chaos im Studiumalltag durch die Coronasituation und nun die Sache mit dem Job. Zu allem Überfluss fällt aktuell auch noch meine Autismustherapie aus. Bin hier völlig auf mich allein gestellt und fahre das Schiff gerade vollends an die Wand.

Nachtrag, 24.03.20:

Wieder einmal die typische, ambivalente Weirdness.. Irgendwas brachte mich aus dem Konzept, weil es nicht so lief, wie ich es mir vorher ausmalte und schwups, drehte ich durch.

Nachdem ich eine Nacht drüber schlief, hatte ich mich wieder beruhigt und funktionierte plötzlich wieder wie ein Mensch. Ein kurzer Griff zum Telefon und alles war erledigt.

Manches kann so einfach sein.

Nichtsdestotrotz habe ich parallel dazu mögliche neue Stellen angepeilt.. Möchte so viel wie möglich an Nebenjobs im Studium mitnehmen, um Einblicke zu erlangen, zu denen ich später vielleicht keine Zeit und Möglichkeit mehr habe.

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Abschied nehmen..

Manchmal hat man Ängste, die man über Jahre vor sich herschiebt, in der Hoffnung, dass eine Situation noch lang auf sich warten lässt. Warum dann überhaupt diese Ängste und nicht einfach das Jetzt genießen? Keine Ahnung. Eine meiner größten Ängste war seit meiner Jugend die Angst vor dem Tod meiner Oma.

Schon als Jugendlicher hatte ich panische Angst davor, meine Oma zu verlieren. Allein die Tatsache, dass sie die älteste Person unserer Familie war, hielt mir immer den Gedanken vor Augen, dass sie wahrscheinlich die nächste sei, die ginge.

Dadurch, dass meine Mutter alleinerziehend war und trotz dieses Umstandes immer fleißig arbeiten ging, war es meine Oma, mit der ich die meiste Zeit als Kind verbrachte. Sie hatte für mich nie die typische Omarolle, sondern war alltäglich präsent, zog mich groß und unternahm mit mir immer irgendwelche Ausflüge.

Sie brachte mich zum Kindergarten, zur Grundschule, brachte jeden Morgen Brötchen, als ich irgendwann zur Realschule ging und war auch in den letzten Jahren ein ständiger Begleiter.

Als meine Mutter vor 16 Jahren das Haus baute, war meine Oma auch immer anwesend. Sie half, wo sie nur konnte. Sei es beim Kochen (Was sie bis zu ihrem Tod jeden Tag noch tat), oder Anfangs auch im Haus und Garten. Sogar den Rasen mähte sie, obwohl sie damals schon längst nicht mehr so gut zu Fuß war, wie sie es sich wünschte.

Gemäß dem Falle, dass ich mich wiederhole: Oma war immer da. Sie kam jeden Tag zu meiner Mutter, schmiss den Haushalt, kaufte ein und dachte nicht daran, auch nur einen Gang zurück zu schalten. Sie war einfach rastlos und zutiefst traurig, als der Körper in den letzten 3 Jahren schwächer, und die Schmerzen stärker, wurden. Trotzdem wollte und konnte sie einfach nicht anders. Sie dachte selten zuerst an sich und stellte ihre Familie stehts in den Vordergrund, während sie immer die bescheidene Rolle im Hintergrund einnahm.

Wahrscheinlich ein typischer Charakterzug einer Generation von Frauen, die den Krieg erlebten und in der Nachkriegszeit in jungen Jahren schon sehr früh erwachsen sein mussten, um zu funktionieren, um ihre Brüder und Mutter zu unterstützen, während der Vater in Russland in Gefangenschaft war.

Oma, oder Oms, wie ich sie seit meiner Kindheit nannte, war eben eine solche Person. Stark, zäh, empathisch, zutiefst sympathisch. Ein Fels in der Brandung, standfest und unkaputtbar. Immer da, wenn man sie brauchte.

In den letzten beiden Jahren merkte man, wie sehr es sie aufwühlte, dass ihr Körper nicht mehr so wollte, wie ihr Geist. Sie beklagte sich immer nur in kleinen Dosen. Freiwillig ging sie selten zum Arzt. Erst recht nicht wegen Kleinigkeiten. Sie riss sich bis zum letzten Augenblick zusammen und ließ sich nie etwas anmerken, auch wenn sie sich zum Ende viel zu viel zumutete. Die Gelenke schmerzten, die beine wurden schlapp. Dennoch ging sie jeden Tag einkaufen, fuhr Bus und kam jeden Tag ins Haus meiner Mutter, um zu kochen, die Katzen zu versorgen und letztendlich auch zu putzen (zumindest, solang sie es noch konnte).

Oms war rastlos. Sie musste einfach ständig auf Achse sein und irgendwas tun. Wenn sie sich schlecht fühlte, musste man sie regelrecht zwingen, ein bis zwei Tage bei sich zu bleiben. Und selbst das tat sie nur widerwillig. Ohne die ständige Routine wäre sie eingegangen wie eine Blume, die man in einen dunklen Schrank stellt. Mir kam es immer wieder vor, als zöge meine Oma ihre Energie aus ihrem Alltag. Sie war immer die gute Seele in der Familie, hatte ihre Prinzipien und Maximen, biss die Zähne zusammen, anstatt zu klagen.

Mit ihr konnte man über alles reden, sie war ein herzensguter Mensch und oftmals der Kitt in der Familie. Mir ist keine bewusste Situation im Kopf, in der wir uns gestritten haben. Klar gab es mal Meinungsverschiedenheiten, aber diese waren immer schnell aus der Welt.

Obwohl sie nicht mehr so konnte, wie sie wollte, war sie einfach immer da. Bis zuletzt besuchte sie mich mit meiner Mutter in Osnabrück und zeigte an allem Interesse.

Als meine Mutter das letzte Wochenende für 2 Tage nach Osnabrück kam, blieb meine Oma zuhause, um die Katzen zu verpflegen. Als wir am Samstag telefonierten, lief sie durchs ganze Haus, weil die Katzen mal wieder Verstecken spielten und sich nicht blicken ließen. Die Katzen hatten einen positiven Einfluss auf sie. Es tat gut zu sehen, wie sie in ihrer Gegenwart immer noch neue Energie schöpfte und die schmerzenden Gelenke und die damit verbundenen Schwächen etwas verdrängen konnte.

Sonntagabend, als meine Mutter wieder auf dem Weg nach Essen war, telefonierte ich noch etwa eine Stunde mit meiner Oma. Neben aktuellen Sachen, erzählte sie wieder ihre typischen Geschichten von Leuten, die schon weit vor meiner Zeit verstorben waren.. Eben typische Omageschichten, die man mindestens 4 mal im Jahr zu hören bekam.

Im Nachhinein ärgere ich mich so sehr über mich selbst, dass ich ihr nicht aufmerksam zuhörte und sie darauf hinwies, dass ich die Geschichten schon kannte.. Um ehrlich zu sein, langweilten mich die Geschichten dieses Mal, dass ich geistig abwesend war. Sie merkte es und schlug vor, dass wir das Gespräch beenden sollten.

Wir legten auf.

Wenig später erreichte meine Mutter ihr Ziel. Am Abend fuhr sie meine Oma nachhause.

Es war ein Tag wie jeder andere. Keiner, dem ich zu diesem Zeitpunkt irgendeine Bedeutung beimaß. Ein fataler Fehler, der mich immer noch zu heftigen Vorwürfen treibt, für den ich mich hassen könnte.

Als ich am Montag, den 8.3. gegen 13 Uhr aus der Uni kam, hatte ich noch Essen von meiner Oma im Kühlschrank, das sie meiner Mutter Samstagmorgen für mich mitgab. Während ich den Teller leerte, ging das Handy.

Eine – mir unbekannte – Nummer aus Gelsenkirchen. Ich ging dran. Das Evangelische Krankenhaus Gelsenkirchen meldete sie.. Wer ich sei, fragte man. Man hätte die Nummer im Portemonnaie einer Frau Dimanski gefunden. Ich konnte nicht folgen. Wieso wühlt man im Krankenhaus im Portemonnaie meiner Oma umher? Wieso ist meine Oma überhaupt im Krankenhaus?

Jetzt ging alles ganz schnell.. Ich entgegnete, dass ich der Enkel sei. Meine Oma hatte einen Zusammenbruch erlitten, während sie ihre Einkäufe tätigte. Man berichtete von halbseitigen Lähmungserscheinungen.. Scheiße. Ich war fassungslos. Ich machte mir aber Mut, indem ich meinem Gegenüber ständig sagte, dass ein Schlaganfall nicht unbedingt komplett schlimm enden müsse. Wie es ihr geht, wollte ich wissen. Ich solle mich jetzt nicht aufregen. Wieso, fragte ich. Sie verlor bereits im Rettungswagen das Bewusstsein und wurde eine Stunde lang reanimiert – vergebens. Sie ist leider verstorben, es tut uns leid, wir konnten nichts mehr für sie machen.

Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. Es war ein seltsamer Traum, aus dem ich aufzuwachen versuchte. Vergebens. Noch während ich das Handy, mit dem Krankenhaus in der Linken hielt, griff ich mit der Rechten zum Telefon und versuchte meine Mutter zu erreichen. In meinem Schock wählte ich ständig meine eigene Nummer, bis ich endlich die Nummer meiner Mutter zusammenbekommen hatte.

Es platzte so aus mir raus.. Mama.. Oms hatte einen Zusammenbruch, sie war sofort tot. Meine Mutter war perplex, eh ich erklären konnte, dass ich das Krankenhaus auf der anderen Leitung hatte.

Scheiße. Ich war der Erste, der davon erfuhr und hatte die Bürde, diese Information weiterzugeben.. Ich wäre in dem Augenblick am liebsten selber gestorben.

Ich schrie aus voller Seele, gab dem Krankenhaus die Nummer meiner Mutter und legte auf. Ich schrie fortwährend, trommelte gegen die Wand.

Fünf Minuten später rief meine Mutter wieder an. Wir schrien beide ins Telefon. Sie machte umgehend Feierabend und fuhr ins Krankenhaus. Ich packte meine Sachen und raste, getrieben von Emotionen und völlig blind mit knapp 200kmh durch den Regen nach Gelsenkirchen. Irrsinn.

Nach 1:15 Stunden erreichte ich schließlich das Krankenhaus. Davor stand bereits meine Mutter, tränenüberflutet. Ich wollte noch rein, aber es ging nicht mehr. Der Schockraum wurde dringend benötigt. Dafür war ich nun so gerast? Ich wollte sie sehen, unbedingt. Ich machte mir Vorwürfe.

Wir fuhren heim, es war eine ekelhafte Situation. Ich hasse Trauer, ich hasse den Schock. Ich hasse es, geliebte Menschen zu verlieren.

Wie es schien, hatte ich am Telefon mehr Informationen bekommen, als meine Mutter. Die Krankenschwester, die mich anrief, hatte ihre Informationen direkt von der RTW-Besatzung, die Ärztin, die mit meiner Mutter sprach, konnte sich nur auf rudimentäre Informationen beschränken.

Wir wussten nicht, was geschah, wo es geschah und wann es geschah.

Ich erinnerte mich, dass ich in einer lokalen Facebookgruppe bin und postete dort die Frage, ob vielleicht jemand Zeuge eines Zusammenbruchs einer alten Dame in der Einkaufsstraße des Stadtteils geworden war.

Es meldete sich tatsächlich jemand. Die Frau, die den RTW rief und als erste an Ort und Stelle war.

Ich wollte erst nicht glauben, dass sie von meiner Oma sprach, aber die Informationen ließen nichts anderes zu. Meine Oma hatte einen anderen Weg als sonst genommen, war auf dem Weg zusammengesackt. Die Frau kam auf die zu, versuchte zu helfen, doch meine Oma konnte kaum mehr sprechen und war bereits halbseitig gelähmt. Ihren Namen, ihren Hausarzt und die Adresse gingen ihr noch schwer über die Lippen, danach verlor sie das Bewusstsein.

Das waren für mich wichtige Informationen, die mir das Krankenhaus nicht geben konnte. Ich bin unendlich dankbar, dass die Frau sich auf meinen Beitrag hin meldete. Damit schloss sich für mich ein wichtiger Kreis an Informationen.

Jedoch fühlte ich mich noch schlechter, als zuvor, als ich diese Infos noch nicht hatte. Mir wurde bewusst, dass meine Oma, allein auf der Straße verstarb – allein unter Fremden. Dieser Umstand schmerzt unendlich, ich bringe diese Zeilen nur unter einem Schwall von Tränen in die Tastatur meines Laptops.

Meine Oma hätte im Kreis der Familie sterben müssen, nicht auf der Straße, womöglich noch von Gaffern beglotzt.. Sie tut mir so Leid. Es muss grausam gewesen sein, was ihr durch den Kopf ging, als ihr bewusst wurde, dass sie einen Schlaganfall erlitt, dass dieser das Ende bedeutete..

Der Gang zum Bestatter am nächsten Tag war erneut eine emotionale Katastrophe für mich. Ich halte mich kurz..Wir mussten einen Sarg aussuchen, Formalia erledigen und allerhand Dinge überlegen, die man noch auf die lange Bank schob.. Ein Grab, eine Gruft? Was sollte es werden?

Oms war immer sehr bescheiden und hatte für Opa selbst über Jahrzehnte eine Gruft, die sie bereute und schließlich aufgab. Sie wollte immer anonym bestattet werden – auch hier nur ihre Kinder im Hinterkopf, denn alles andere sei untragbar und mache zu viel Arbeit. Meine Mutter wird 63, ich wohne in Niedersachsen und weiß nicht, wo es mich hin verschlägt.. vielleicht sogar mal ins Ausland. Dann noch die Pflege eines Grabes für 25 oder 40 Jahre zu übernehmen, wäre fatal. So dachte auch Oms.

Wir fanden jedoch eine Lösung, die uns allen nicht bekannt war. Eine mehr oder weniger anonyme Bestattung unter einer Blumenwiese. Man selbst weiß, an welcher Stelle sie liegt, aber das Grab ist nicht öffentlich und wird nicht zu einer Pilgerstätte für Klatsch- und Tratschliebende Menschen, wie es damals bei meinem Opa war, als mehrere hundert Menschen zu seiner Beerdigung erschienen.

Am Nachmittag des selben Tages erhielten wir den Anruf des Bestatters, dass wir uns sie nochmal ansehen könnten. Sofort ging es Richtung Bestattungshalle. Ich hatte einen Klos im Hals, mir war schlecht. Aber ich musste sie sehen und ärgerte mich zutiefst, dass ich sie am Tag vorher im Krankenhaus nicht mehr sehen konnte.

Ich hatte Angst, sah ich hier doch zum ersten Mal einen toten Menschen.. und dann auch noch meine geliebte Oms. Es war so ein schmerzlicher Anblick, der mich paralysierte. Aber es war mir eine Lebensaufgabe, sie nocheinmal zu sehen und ihr lebewohl zu sagen. Meine Mutter sagte zwar, sie sehe aus, als schliefe sie. Aber ganz ehrlich.. Tote Menschen sehen selten aus, als lägen sie nur im Tiefschlag. Sie war schön hergemacht, hatte die Kleidung an, die wir ihr am Morgen noch aus ihrem Schrank holten. Aber dennoch tat mir der Anblick so weh. Ich verstehe es heute noch nicht, dass Oms tot ist .

Klar, sie ging auf die 90, hatte mit fast 87 Jahren ihr Leben gelebt und viel erlebt. Ich denke, sie war schon lang drauf vorbereitet. Wenn das Thema Tod kam, versuchte sie immer zu beschwichtigen. Als hätte sie nicht gewollt, dass man sich ihretwegen den Kopf zerbricht. Aber wir verdrängten das Thema immer wieder, auch wenn man sich unbewusst schon seit Jahren auf diesen Moment vorbereitete und gerade deshalb eine solche Heidenangst davor hatte.

Aber irgendwann kommt der Augenblick, in dem man loslassen muss. Doch Oms, du hast es nicht verdient, allein auf der Straße zu sterben, Es tut mir so leid und bricht mir das Herz. Der einzige Trost und somit die positive Facette ist, dass du nicht krank warst und nicht lange leiden musstest.

Aber vielleicht hast du gelitten, es aber nur nicht nach außen getragen? Vielleicht hattest du auch schon abgeschlossen und hast den Tod erwartet. Vielleicht haben wir die Signale falsch gedeutet.

Ich hätte dir noch so viel zu sagen gehabt, hatte noch so viele Fragen, hätte dir noch so gern meinen Uniabschluss gezeigt, die Urenkel geschenkt. Mama wollte mit dir im Sommer ihrer Berentung an die Ostsee fahren.. Jetzt bist du fort und hast eine so riesige Lücke hinterlassen. Wir vermissen dich, du fehlst uns.

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Ferngesteuertes, eingeschränktes Handeln.

Nach 1 1/2 Jahren in Osnabrück, habe ich endlich eine Überweisung für einen Neurologen bekommen (ok, das war am 16. Januar). Bin bislang immer zu meiner Stammneurologin ins Ruhrgebiet gefahren, jedoch schaffe ich das nicht mehr regelmäßig und sie hat zudem ihre Praxis aufgegeben (zum Nachfolger habe ich kein Vertrauensverhältnis gefunden).

Mittlerweile habe ich kaum mehr Tabletten und benötige dringend ein Rezept. War deswegen schon in den letzten Wochen öfter an besagter Praxis, jedoch konnte ich niemanden antreffen. Ergo: Ich bin ab nächste Woche ohne Venlafaxin und werde einen kalten Entzug durchmachen.

Warum?

Für mich kommt hier in Osnabrück nach langer und ausgiebiger Recherche nur eine einzige Praxis in Frage, jedoch sind die Wartezeiten immens.. (Die Gründe für die Wahl der Praxis mögen aspietypisch sein, zumindest kommt von NTs nur die Aussage „Dann gehen Sie halt zu einer anderen Praxis, gibt doch genug“ – so auch von der Frau am Thresen).

Nach der Abfuhr bin ich wortlos gegangen und stehe immer noch ohne behandelnden Neurologen und Rezept da. Klar, mir ist bewusst, dass die Wartezeiten lang sind. Jedoch habe ich es selbst zu verschulden, dass ich mich nicht eher drum kümmerte. Stattdessen bin ich lieber mehrmals vergeblich zu einer 150km entfernten Praxis gefahren.Jetzt habe ich den Salat.

Morgen bin ich wieder in der Therapie und hoffe, dass ich über diesen Weg noch etwas erreichen kann.Eine andere Praxis, als die auserwählte, kann ich mir nur sehr, sehr schwer vorstellen.

Das ist einer der Augenblicke, in denen ich mich selbst ob meiner Unfähigkeit in Situationen, die anders verlaufen, als geplant, hasse.

Aber letztendlich werde ich auch in dieser Situation einen Weg finden. Wege gibt es immer, man muss sie nur finden.

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Neues Jahr, neues Glück.

Eine ziemlich abgedroschene Floskel, doch hat der Beginn eines neuen Jahres dennoch etwas, was nach „Aufbruch“ riecht. Die Motivation, neu durchzustarten, ist definitiv da.

Meine Vorsätze für das neue Jahr sind relativ bescheiden: Einen Gang zurückschalten und sich nicht vom Stress überrollen lassen.

Aktuell befinde ich mich in der Prüfungsphase, eine Prüfung schreibe ich noch, eh ich mich erstmal auf die Semesterferien freuen kann. Da ich seit Dezember nun auch mal einen Nebenjob habe, werde ich in den kommenden Wochen mich primär auf’s Geldverdienen konzentrieren.

Zudem lief nun auch meine Therapie regulär an. Ich bin gespannt, was sich da ergibt und welche Wege sie mir öffnet.

Auch das Studium muss ich entschleunigen, um nicht komplett auszubrennen. Aber damit habe ich mich mittlerweile abgefunden. In Kombination mit der Therapie wird sich bestimmt ein akzeptabler Mittelweg finden lassen.

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Dilemma: Gruppenarbeit

Ganz großes Alptraumthema: Gruppenarbeiten im Studium.

Ich saß heute mit ~4 Leuten in einem Raum und musste diskutieren, wie ich mir meinen Part einer Präsentation vorstelle. Ich hätte am liebsten schreienderweise den Raum verlassen. Es fühlte sich an, als würden die Wände auf mich zukommen und gnadenlos zerdrücken. Genau deswegen kann ich nicht mit Menschen arbeiten..

Die Situation zeigte mir irgendwie wieder, wie autistisch ich eigentlich bin, obwohl ich nach außen relativ normal zu funktionieren scheine.. Alleine könnte ich solche Projekte viel effektiver bewältigen, so saß ich nur unproduktiv herum und konnte nichts beitragen. Das Bild, das ich dort ablieferte, möchte ich erst gar nicht vor Augen haben..Leider ist das erst der Anfang. Die nächsten Semester bestehen quasi nur noch aus solchen Gruppenarbeiten und Projekten.

Ich könnte heulen!

Ich habe Angst.

Eigentlich müsste ich nun weiter an der Präsentation arbeiten, doch haben mich die zwei Stunden mit ~vier Leuten in einem Raum so erschöpft, dass ich nun zu nichts imstande bin. Ich bin leer, ich bin ausgebrannt, ich bin kurz davor, wieder einmal von meinen Gedanken überrannt zu werden und den Kopf die nächsten Tage wieder völlig in den Sand zu stecken.

Es ist einfach fürchterlich und eine Höllenqual, mit einer banalen Selbstverständlichkeit zu Gruppenarbeiten gezwungen zu werden. Es wird von den Professoren einfach vorausgesetzt.

Schon mehrfach versuchte ich, einen Nachteilsausgleich für diese Thematik zu erlangen, in der Hoffnung für mich allein arbeiten zu dürfen.. In aller Regelmäßigkeit schreibe ich diese Thematiken in meinen Emails nieder. Leider blieben jegliche Anfragen dahingehend bei der Hochschule Osnabrück unbeantwortet. Kontinuierlich werde ich an die Nachteilsausgleiche zu den Prüfungen verwiesen. Mehr ist nicht drin? Als Autist mit sozialen Problemen hat man an dieser Hochschule leider die sprichwörtliche Arschkarte gezogen und muss sehen, wie man klarkommt.

Schwerwiegende Probleme? Ärztliche Gutachten und Diagnosen? Schwerbehindertenausweis? Scheint alles keine Relevanz zu besitzen. Bislang empfand ich keinerlei Entgegenkommen oder Unterstützung seitens der zuständigen Stellen. Lediglich in Prüfungen durfte ich Ohrstöpsel tragen. Aber das Gravierende ist diese verdammte Gruppenarbeit, zu der ich nicht imstande bin. Hier scheint es keine Lösung zu geben, die in Form von Nachteilsausgleichen mir zugute kommen kann.

Was sehr traurig ist, da es sämtliche Stellen für Inklusion, Integration und Gleichstellung gibt. Aber offensichtlich ist die gendergerechte Sprache wichtiger, als das Angebot an Unterstützungsmaßnahmen für autistische Studenten (Ja, Studenten, nicht Studierende!).

Das Einzige, was mich im Studium wirklich behindert, ist der verdammte Zwang zur sozialen Interaktion – nicht mein Autismus. Nur leider kann ich die Thematik im Alltag nicht offen kommunizieren und möchte auch nicht ständig mit der Tür ins Haus fallen oder die Rolle des Sonderlings einnehmen.

Fakt ist jedoch: Alleine kann ich viel effektiver und produktiver arbeiten. Meine Vergangenheit ist die beste Referenz dafür, dass ich ein Kämpfer bin, der seine Ziele erreicht. Aber auf die Bedürfnisse eines Einzelnen scheint es gar nicht anzukommen. So viel zum Thema Inklusion. Diese besteht nur auf dem Papier und in tollen Instagramvideos, die das Studieren mit Behinderung schmackhaft machen sollen, auch wenn die Realität einem jeden Tag ins Gesicht schlägt und man nur all zu oft dran erinnert wird, dass jeder Tag ein Kampf ist.

Ich fühle mich verdammt hilflos, so kenne ich mich gar nicht..

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Teamwork über alles!

Im aktuellen Semester gibt es ein Modul, in dem es darum geht, Aufgaben als Team, in einer Art Rallye zu lösen.. Heute ereilte mich eine Situation, wie ich sie schon unzählige Male erlebte: Ich fand kein Team und irrte alleine umher. Etwas konfus, auf jeden Fall sehr kopflos.

Während alle um mich herum bereits loszogen, um die Aufgaben zu lösen, stand ich die ersten 15 Minuten völlig hilflos und irritiert auf dem Gang, ohne mich auch nur ansatzweise konzentrieren zu können. Es war eine jener Situationen, in denen mich meine Gedanken völlig kontrollierten. Alles um mich herum wurde unausstehlich laut, jede noch so kleine Nuance wurde zu einem Tsunami, der ungehindert auf mein Hirn einbretterte. Ich begann zu schaukeln und hätte am Liebsten geheult, geschrien und mir dabei hüpfenderweise die Ohren zugehalten. Zum Glück Blieb es beim „HÄTTE“.

Jedoch zog ich trotz aller Zurückhaltung dennoch die Aufmerksamkeit einiger (fremder) Leute auf mich. Ich erweckte allerdings nicht die nötigen Kompetenzen, die mich als mögliches Teammitglied interessant machten. Viel mehr wurde ich Ziel von Gespött und Gelächter; subtile Seitenhiebe, die mehr als deutlich in meine Richtung gingen.

Ironischerweise schienen mich eben jene zu verspotten, die nahezu verzeifelt nach Lösungswegen zu ihren Aufgaben suchten – obwohl die Lösungswege so simpel waren.

Solche Situationen machen mich immer wieder traurig.

Unpraktischerweise waren viele Aufgaben so ausgelegt, dass sie eben nur als Team gelöst werden konnten. Ferner sind Lösungen zu allen Aufgaben erforderlich, um das Modul zu bestehen.

Ich fuhr heim.

Ich bin leer.

Es vergeht kaum eine Woche, in der ich solche Situationen nicht erlebe. Dieser ständige zwang zu Gruppenarbeit ist eine unsagbar schlimme Belastung für mich, die mich jedes Mal an den Rand der Verzweiflung bringt und jegliche Energie raubt. Ich gehe morgens schon mit einem Klos im Magen zur Uni, weil ich weiß, dass solche Situationen an der Tagesordnung sind. Leider bin ich dann in keinster Weise imstande, um Hilfe zu bitten. Im Gegenteil, ich ziehe mich völlig zurück und kapsel mich komplett ab.

Warum sind Menschen eine solche Qual?

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