Schmetterlinge..

Manch Aspie würde sagen, wenn man Schmetterlinge im Bauch haben möchte, sollte man sich Raupen in den Hintern schieben. Klingt logisch.. Ich bevorzuge aber die geläufigere Variante, die mich wahrscheinlich nun erwischt hat.

Was kurz vor Silvester mit einem recht banalen Treffen zum gemeinsamen Fotografieren begann, steigerte sich in den letzten Wochen zu einer sehr intensiven Erfahrung. Für meinen eher vorsichtigen Charakter war es schon fast zu schnell, hatte ich doch irgendwie erst vor nicht all zu langer Zeit ein – für mich – sehr langes Beziehungskapitel geschlossen. Doch was hatte ich zu verlieren? Ich nahm mir vor, mich von der Trennung nicht beeinflussen zu lassen und wollte mich aktiv den Herausforderungen stellen, denen man gegenübertritt, wenn man bewusst und aktiv Menschen kennenlernen will.

Schon das erste Treffen versprühte diese Stimmung, die man einfach nicht hat, wenn man sich „nur“ zur gemeinsamen Freizeitgestaltung trifft. Es war, als kannte man sich ewig – was nicht zuletzt auch daran lag, dass wir im Vorfeld wochenlang miteinander kommunizierten und man dabei sehr viel über das Gegenüber erfuhr. Es gab viele Gemeinsamkeiten. In erster Linie gemeinsame Interessen und was ich teils sehr verwundernd fand: Gewissermaßen ähnliche Denk- und Handlungsweisen.

Ich ließ mich treiben auf den sanften zuckersüßen Wogen, die mir entgegenschwappten. Aus dem ersten Treffen wurden viele. Ich ging fest davon aus, dass ich nach der Trennung für lange Zeit taub für Gefühle sein würde, aber scheinbar irrte ich mich.

Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit verspüre ich wieder den Drang, mich ins Zeug zu legen, aktiv zu sein. Komischerweise bin ich nun derjenige, der einen Satz hörte, der eigentlich sonst immer von mir kam: zu viel Nähe verursacht Stress und erfordert das Aufladen der eigenen Akkus.

Die Aussage hätte von mir stammen können, auch wenn es mich verwundert und diese Ähnlichkeit doch ein wenig erschreckt. Aber es ist Okay für mich. Ich fühle mich verstanden und genieße die Zeit. Ich bin glücklich, wenn auch etwas melancholisch, weil ich in einen Spiegel schaue, dessen Spiegelbild mir befremdlich vorkommt, weil es mir eben so vertraut ist. Und nicht zuletzt auch, weil mein Verhalten andere Menschen verletzte..

Doch jeder Moment ist schön, ich sehe plötzlich wieder Farben, dort wo die Dunkelheit überwog. Plötzlich verspüre ich Freude an Dingen, an denen ich im Laufe der letzten Jahre völlig das Interesse verlor, zu denen ich mich letztendlich gar nicht mehr im Stande sah. Es tut gut. Es fühlt sich richtig an, aber doch ungewohnt anders. Arm in Arm einschlafen, sich nahe sein und trotzdem eine zaghafte Distanz wahren. Sich langsam von Ebene zu Ebene arbeiten und diese stärker werdende Wärme spüren, die vieles vergessen lässt. Hoffnung.

Es ist gut.

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Teamarbeit = FAIL.

Ich hatte heute eine Präsentation vor 100+ Leuten. Es lief Erwartungsgemäß mies – jedoch nicht das Vorstellen ansich.. komischerweise war ich so voller Adrenalin, dass ich einfach nach vorn preschte und aus dem Stegreif erzählte. Ich erntete Applaus in einem Umfang, wie ich ihn nicht kannte. Super für mich, war ein gutes Gefühl!
 
Aber die Tatsache, dass das „Team“ nicht zusammengearbeitet hat und ich das Projekt quasi im Alleingang durchgezogen habe, gab massive Minuspunkte.. 3 von 4 Teammitglieder interessierten sich nicht einmal für das Thema, ignorierten jegliches Entgegenkommen meinerseits, als ich ihnen schon eine fertige Powerpointpräsentation vorlegte, die sie nur hätten verinnerlichen brauchen..ABER keiner von denen setzte sich damit auseinander.. stattdessen nutzten sie die freie Arbeitszeit, um Youtubevideos zu schauen und schrieben sich in wenigen Minuten belanglose Inhalte von Wikipedia ab, die nichts mit meiner erstellten Powerpoint gemeinsam hatte.
 
Fernab der Gliederung wurden diese Texte nun heute vor 100+ Leuten dümmlich abgelesen.. Natürlich völlig am Thema vorbei. Ich kam mir vor wie ein Depp, als ich die Präsentation steuerte und jedes Mal aufs Neue eine Folie anzeigte, die rein gar nichts mit dem zu tun hatte, was die Volldeppen just erzählten..
 
Ich wäre vorne vor Wut fast explodiert. Es war einfach nur beleidigend mir gegenüber, demjenigen, der eine Woche investierte, um gute Ergebnisse zu recherchieren, demjenigen, der Bücher kaufte, Museen besuchte, 600 Bilder machte und jegliche Freizeit für die Präsentation opferte und schließlich eine fachlich und technisch nahezu perfekte Präsentation ablieferte, um der Gruppe damit den Arsch zu retten..
 
Es hätte so einfach für meine Mitstreiter sein können, eine Bestnote zu erlangen, aber keiner würdigte meine Arbeit.
 
Das Ergebnis: Mitstreiter jeweils Note 5, ich Note 3. Und die 3 auch nur, weil so wörtlich: Ich „es nicht schaffte, das Team zu motivieren“. Genau, macht ausgerechnet dem Autisten den Vorwurf, dass er es nicht schafft, ein Team zu führen. Dass aber er der einzige war, der in dieser Gruppe gearbeitet hat und dabei ein hochkarätiges Ergebnis lieferte, ist irrelevant..
 
Dabei ist eigentlich bekannt, dass ich Aspie bin und einen SBA mit GdB 60 wegen meiner sozialen Inkompatibilität besitze..
 
Ich bin zwar ein Mensch, der selten auf Extrawürste wegen seiner Behinderung besteht, aber ausgerechnet dieser Vorfall ist ein absolutes Paradebeispiel für Ignoranz und Desinteresse.. Ich möchte jetzt die Diskriminierungskeule nicht schwingen, weil ich es selbst oftmals peinlich finde, wie oft diese zum Einsatz kommt, aber letztendlich fühle ich mich diskriminiert..
 
Oder verurteilt man einen Gelähmten etwa auch, weil er keinen Marathon laufen kann???
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Neues Jahr, neues Glück.

Die Feiertage der geheuchelten Harmonie sind endlich vorüber, auch der Jahreswechsel zeigte sich von seiner überraschend schönen Seite. Erlebte ich über Weihnachten noch den Sog zurück in das schwarze Loch, dass mich entmutigte und lange Zeit grübeln ließ, entpuppte sich der Silvesterabend – zwar äußerst kurzfristig – als gelungener Jahresabschluss. Zusammen mit elf Leuten in einer kleinen Wohnung Silvester zu feiern klingt nicht unbedingt nach der besten Atmosphäre für einen Aspie. Es waren einige, mir unbekannte Gesichter vor Ort, auch war es eine Premiere zum ersten Mal bei besagter Gastgeberin und ihrem Freund zu feiern. Zugegebenermaßen musste ich mir auch erstmal „Mut antrinken“, um aufzutauen und die Sensoren zu betäuben, doch konnte ich den Abend bis zum Sonnenaufgang vollkommen genießen und dem neuen Jahr positiv und ohne emotionalem Querschläger entgegenblicken. Ich fühlte mich irgendwann sogar so wohl, dass ich vor allen Leuten Gitarre spielte.

Generell ist die Grundstimmung der letzten Tage deutlich besser, als zuvor. Meinen Vorsatz, neue Menschen kennenzulernen, habe ich bereits schon in der Woche vor Silvester wahrgemacht – und ich bin froh, es nicht weiter aufgeschoben zu haben. Virtuell habe ich den Kontakt zu alten und flüchtigen Bekanntschaften (wieder) aufgebaut und auch einige neue Kontakte gefunden. Außerhalb des Netzes fand im Dezember eine Fototour mit acht weiteren Leuten statt. Zudem gab es – wie eben schon angedeutet – in der Silvesterwoche ein wirklich nettes Treffen mit einer Frau, die mir schon seit Jahren immer mal wieder auf Konzerten (u.a. als Fotografin) ins Auge fiel, von der ich aber sonst absolut nichts wusste. Wie es der Zufall spielte, kommentierte sie vor etlichen Wochen eines meiner Katzenbilder im Netz.. was den Stein ins Rollen brachte. Nach endlosen Texten, voll mit Persönlichem aber auch Banalem, trafen wir uns am 29.12. zu einer kleinen gemeinsamen Fototour. Meine Knie waren weich, die Hände nass. Das übliche, wenn ich mich neuen Situationen stelle. Ich hatte Angst, als Vollidiot darzustehen, jedoch war meine Panik – wie so oft – einfach nur unbegründet. Als es anfing zu schneien und wir keinen Plan-B hatten, trennten sich unsere Wege. Ich kam mir unbeholfen vor, war es genau das, was ich nicht wollte – den Tag an diesem Punkt schon zu beenden. Doch wie es sich herausstellte, dachte sie genau so und trafen wir uns noch am selben Abend wieder.

„social life“ reaktivieren: Challenge accepted.

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Erstgespräch Autismustherapie

Nachdem ich vor zwei Wochen bereits einen Termin hatte, der jedoch verschoben wurde, hatte ich heute endlich das offizielle Vorgespräch im Therapiezentrum.

Eine nette, erstaunlich junge Dame empfing mich freundlich und reichte mir als erstes einen Stammdatenbogen, den es auszufüllen galt. Anschließend folgte ein sechzigminütiges Gespräch über meine Probleme, Absichten und Ziele im Bezug auf meinen Autismus.

Jetzt heißt es, die Kostenstellen zu kontaktieren um die Bewilligung zu erwirken.. Leider wieder Wartezeit, die verstreichen wird. Aber der Stein rollt.

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Resümee: November.

Mittlerweile ist die Fassungslosigkeit und Trauer der Wut gewichen. Die Gedanken sind gefasst und die Enttäuschung tat ihr bestes. Letztendlich ist Enttäuschung nur ein Akt, sich der Täuschung zu entledigen, der man lange Zeit erlegen war. Das Ergebnis: akzeptieren, reflektieren, realisieren. Wobei Akzeptanz immer wieder mit Kompromissen und Eingeständnissen einhergeht, mit denen man sich selbst als schwaches Glied dieser Kette offenbart. Ich akzeptierte in der Ohnmacht meiner Trauer den Verlust eines scheinbar liebenden Menschen, reflektierte mit der Enttäuschung und realisierte, dass diese Liebe nur noch ein Hirngespinst meiner selbst war, mich selbst in Hoffnung und Zuversicht suhlend, blindlings etwas nachzueifern, was schon lange nicht mehr existierte.

Ich hatte längst die Rolle des Hassobjektes eingenommen, fand mich scheinbar selbstlos damit ab, um ihr alles recht zu machen. Doch schüttete ich damit weiterhin Öl ins Feuer und erreichte genau das Gegenteil von dem, was ich mir vorstellte: Ich wurde beleidigt, als rückgratlos, als Memme, als Lappen bezeichnet. Mein Verhalten, nicht anecken zu wollen um der Person, von der ich glaubte, dass sie mich liebte, möglichst keine Last zu sein, wurde letztendlich als „feiges Kuschen“ bezeichnet. Selbst vor ihren Eltern nahm sie kein Blatt mehr vor dem Mund und bezeichnete mich immer öfter als Idiot, gar Vollidiot.

Ich hätte die Trennung von vornerein als Geschenk sehen sollen. Nein: Ich hätte diesen Schritt selber gehen müssen. Schon viel, viel eher, statt dieser Person auch nur eine Träne hinterherheulen zu sollen!

Wer nach 5 1/2 Jahren erst zu dem Schluss kommt, dass die Beziehung mit einem Asperger-Autisten nunmal anders verläuft, und dass ein Aspie im Bezug auf sozialer Interaktion nunmal unkonventionell agiert, handelt egoistisch und sadistisch, eine Beziehung unter gegebenen Fakten mir nichts, dir nichts mit fadenscheinigen Argumenten zu beenden.

Letztendlich diente ich nur noch als Sündenbock. War das Krebsgeschwür, das sie einschränkte, gar ihre Gesundheit belastete. Ich nahm es in Kauf gekniffen, in den Haaren gezogen und getreten zu werden. Aus Rücksicht vor einer fragilen Persönlichkeit, die ich mit meinem Aspergerverhalten nicht weiter strapazieren sollte. Doch als Sätze fielen wie „ich muss mich an dir rächen, du hast mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin, ich muss dir wehtun, dich kneifen„, hätte mir ein Licht aufgehen sollen. Ich war viel zu sehr in diesem Uhrwerk integriert, als dass ein Schlussstrich meinerseits jemals eine plausible Lösung für mich dargestellt hätte.

Ich trug die Schuld an ihrem Verhalten, an ihren Allergien, an ihren psychischen Ausfällen. Nur ich war es, der Fehler machte. Ich schaltete aus Faulheit nicht rechtzeitig in den nächsttieferen Gang und der Wagen begann zu blubbern: „Kannst du nicht Auto fahren? Hast du alles wieder verlernt? Bist du wieder in deiner Welt gefangen?“. Der Wagen machte laute Fahrgeräusche, die vom Fahrbahngrund her rührten: dito. Ich drehte mich um meine eigene Achse, ich hatte Entscheidungsschwierigkeiten, ich erzählte Fakten zu Dingen, die uns im Alltag begegneten, ich war einfach nur ich.. und wurde jedes Mal auf’s Neue beleidigt.

Ich war es, für den man sich rechtfertigen musste, ich war der Grund, weshalb sie sich vom sozialen Leben immer mehr zurückzog. Ich war einfach Schuld an allem. Ich war sogar Schuld an der Tatsache, dass sie mit meinem Freundeskreis nie richtig warm wurde. „Wenn man in eine Beziehung geht, verschmelzen die Freundeskreise beider Partner“ war ihre Ansicht. Da diese Person jedoch so dermaßen vorurteilsbehaftet und voreingenommen war, das absolut jeder in ihren Augen in irgendeiner Art eine Macke hatte, stand dies jedoch nie zur Option. Letztendlich war dies aber auch ein Argument das im Trennungsgespräch betont wurde. Danke.

Zwei Wochen nach der Trennung verschlug es mich nach Berlin. Ich schickte ihr Postkarten und Bilder, die ich eine Woche vor der Trennung noch von ihr machte. Mein Fehler: Die Postkarten beschriftete ich mit „Ich vermisse dich, du fehlst mir, ich liebe dich„. Die Reaktion war dementsprechend. Ich wurde verbal angegriffen; Absolut unpassende Worte.. Sie liebt mich nicht. Wie konnte ich es nur wagen, dieser Furie meine Liebe entgegenzubringen.

Sie wolle wieder glücklich werden und hätte viel „nachzuholen“.

Ein solcher Mensch hat meine Liebe nicht verdient. Ich kann kotzen. Einfach nur kotzen, dass ich nicht viel eher aufgewacht bin und den Schritt zuerst ging.

Hauptsache sie lag mir am Tag der Trennung noch heulend in den Armen und schluchzte „Meld dich bitte mal“ ins Ohr..

Jetzt frage ich mich: Wer ist hier der gestörte? Ich, der Aspie, der null Empathie besitzt und möglichst darauf getrimmt ist, das Uhrwerk geschmeidig am Laufen zu halten, oder die Neurotypische, vermeintlich psychisch unauffällige Person, die mich des Psychoterrors bezichtigt, selbst aber handelte, wie der Elefant im Porzellanladen?

So traurig ich bin, aber Ich bin frei. Auch ich habe ein Recht, wieder glücklich zu werden.

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„Ist der immer so?“

Als wäre es nicht schon anstrengend genug, als erwachsener Asperger im zweiten Bildungsweg das Abi nachzumachen, gab es heute eine „offene Gesprächsrunde“ mit dem Schullleiter. Theoretisch halb so schlimm und interessant, hätte der Typ nicht hartnäckigst auf meinen Verhaltensweisen herumgeritten und mich als arrogant bezeichnet, weil ich ihm nicht in die Augen blickte.

Bei der obligatorischen Anwesenheitskontrolle pickte er sich jeden Namen heraus und stellte irgendwelche Fragen, die ihm just in den Sinn kamen. Fragen zur Namensherkunft, Fragen zu Zukunftsplänen etc. Ich weiss gar nicht mehr, was er mich fragte, jedoch verstand er nicht auf anhieb, was ich sagte, äffte mich nach und fragte vor der gesamten Klasse: „Hat das irgendjemand verstanden?“. Als das „Ja“ aus der Menge ihn verwunderte, verwickelte er mich weiter ins Gespräch. Da ich momentan nicht wirklich bei der Sache bin und mich sehr viele Gedanken plagen, bin ich aktuell mal wieder etwas „seltsam“. Kurzum: Ich antwortete, blickte ihn für den Bruchteil einer Sekunde an und senkte meinen Blick erneut auf meinen Tisch. Ich war wie eingefroren.

Mir war, als erkannte ich die Zornesröte in seinem Gesicht emporsteigen. Als wäre die erste Verhöhnung nicht längst genug gewesen, fragte er nun alle anwesenden Leute: „Ist der immer so?“, ohne Rücksicht auf meine Anwesenheit zu nehmen.

Er ließ nicht locker, hatte gefallen dran gefunden, mich in jedweder Hinsicht zu verballhornen. Ich wollte einfach nur meine Pflicht erledigen und hoffte, dass es endlich endete und er seine Aufmerksamkeit einem anderen schenkte. Falsch gedacht. Meine Aufnahmefähigkeit riss ab. Selbstschutz. Ich begann innerlich zu fliehen, rannte los. War wie gefesselt. Saß da und war wieder in der Klasse. Als meine Gedanken wieder bereit waren, sich der Situation zu stellen, ein zynischer Kommentar zu „arroganten Menschen“, wie ich einer sei. Mir stockte die Sprache, ich war machtlos. Hätte ihm am liebsten meinen SbA hingeknallt und ihn zur Sau gemacht.

Später bemerkte ich via Whatsapp, wie sich Leute aus der Klasse über sein Verhalten abfälligst äußerten und mir verbal den Rücken stärkten. Ich war beschämt. Solch eine Schwäche zeigte ich schon lang nicht mehr..

Momentan wird mir alles zu viel. Mein Gehirn rennt, kommt nicht zur Ruhe. Körperlich anwesend, geistig in anderen Sphären. Mittlerweile habe ich einen neuen Termin für das just abgesagte Erstgespräch der Autismustherapie. Noch zwei Wochen. In der selben Woche, in der ich endlich auch die Termine bei meinen bekannten Ärzten habe. Sollte ich nicht bald Wege finden, meine jetzige Situation in den Griff zu bekommen, habe ich ein großes Problem.

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Ein Tag, wie er schlimmer nicht hätte sein können.

Da mir durch die Trennung nun auch die Vertrauensperson fehlt, der ich sämtliche Gefühle und Erlebnisse anvertrauen konnte, versuche ich nun, diese für mich hier niederzuschreiben. Auch wenn das „für mich“ nun suggeriert, ich suhlte mich hier in einer Anonymität, ist mir doch durchaus bewusst, dass diese Seite im Internet verfügbar ist. Jedoch bin ich bereit, meine autistischen Erfahrungen zu teilen. Denn genau dies war der Grundgedanke dieser Seite. „Für mich“ bedeutet in dem Kontext viel mehr, dass ich für mich einen Nutzen aus dem Niederschreiben meiner Gedanken ziehen kann. Ich erhalte zwar keine Antwort eines Gegenübers, doch kann ich beim Schreiben Situationen reflektieren, diese für mich überdenken und womöglich ein Fazit ziehen, das mir hilft, besser mit Situationen umzugehen.

Der heutige Tag war geprägt von solchen Situationen, die mich wieder einmal fest in ihren Händen hielten. Schon am Vormittag war ich wieder so fertig und müde von all den Menschen, die in der Schule um mich herum agierten, dass ich bereits um 11 Uhr während des Unterrichts einschlief. Auch wenn die letzte Opipramol zu dem Zeitpunkt bereits 16 Stunden zurück lag und ihre volle Wirkung während der Nacht entfaltete, fühlte ich mich, als setzte die Wirkung just in diesem Augenblick ein. Die Lider schwer wie Blei, die Gedanken abseits der Spur in einem Nebel aus Geräuschen und Gerüchen, vegetierte ich in den Vormittag hinein, eh ich mich zwei Stunden vor Schulschluss austragen ließ und ging.

Ich ging jedoch nicht, weil ich nicht mehr konnte, sondern vielmehr, weil heute ein wichtiger Termin anstand: Das Erstgespräch der Autismustherapie. Da ich dort keineswegs zu spät kommen wollte, hielt ich es für nötig, die Schule eher zu verlassen. Ein gut durchdachter Plan meinerseits.

Ich fuhr schnell nach Hause, zog mich um und setzte mich direkt wieder ins Auto, Richtung Therapiezentrum. Die Fahrt war geprägt von Abwesenheit und ich zermaterte mir den Kopf mit Gedanken, die sich nicht ausblenden ließen. Ich verpasste die Ausfahrt der Autobahn, geriet in einen Stau.. schaffte es jedoch noch rechtzeitig zur besagten Adresse. Dort angekommen, jedoch das Debakel schlechthin: weit und breit keine Parkmöglichkeiten. Zudem war die Hauptstraße, an der die Einrichtung lag, so stark befahren, so dass ich nicht langsam nach etwaigen Parkmöglichkeiten auf dem Gelände ausschau halten konnte. Ziellos fuhr ich weiter, den Schweiß auf der Stirn stehen, die Gedanken im Gehirn hämmernd. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte.

Nur noch zehn Minuten bis zum Termin. Ich fuhr mehrfach um den Block. Kein Parkplatz.

In meiner Verzweiflung wollte ich schon unverrichteter Dinge den Heimweg antreten und mich hinterher telefonisch über die Parkplatzsituation beschweren, bis vor mir jemand aus der Parklücke einer Seitenstraße fuhr. Mittlerweile hatte ich zehn Minuten Verspätung.

Ich hastete ins Gebäude, zitternd und stotternd klingelte ich und wurde erstaunt empfangen..

Man hätte mich am heutigen Morgen schon versucht zu erreichen und sprach mir auf den Anrufbeantworter, dass die besagte Therapeutin heute nicht komme, da sie krank sei.

Ernsthaft?

Ich habe eher Feierabend gemacht, bin wie ein Irrer auf der Parkplatzsuche gewesen, hätte dabei am liebsten mein Auto vor lauter Wut zerlegt, um festzustellen, dass der Tag eigentlich ganz anders hätte verlaufen können?

Ich fuhr zurück.

Auf dem Rückweg fuhr ich bei der Poststation vorbei um ein Paket abzuholen, das mit einem Abholschein am Samstag angekündigt wurde. Nach schier endlosen Minuten des Wartens die Erkenntnis: Wir haben ihr Paket gar nicht, aber wir telefonieren mal ‚rum!

Ich hätte innerlich platzen können, hätte am Liebsten den Kopf gegen die Wand geschlagen. Es war scheußlich!

Letztendlich wurde ich auf eine weitere Poststation in einem anderen Stadtteil verwiesen, die der Paketzusteller komischerweise aufsuchte.. Warum diese Poststation, obwohl sie gar nicht in meinem Zustellungsbereich lag?

Zuhause angekommen, legte ich mich hin und verschlief den Rest des Tages, bis ich nun um 22 Uhr diesen Text schrieb.

ps.

Wenn nun jemand neugierig ist, was in dem Paket war: Click.

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Reflexion einer Misere

Mittlerweile liegt die Trennung drei Wochen zurück und ich schaffe es wieder, so langsam klare Gedanken zu fassen und die ganze Situation zu reflektieren.

Wie kann man einen Menschen, den man sechs Jahre kannte und fünfeinhalb Jahre an seiner Seite hatte, von jetzt auf gleich abschieben? Ihm alle Ablehnung entgegenbringen, die man sich nur vorstellen kann? Ich möchte gar nicht wissen, welch Abneigung sich nun angestaut hat, damit eine derartige Entscheidung so leicht ausgesprochen werden kann.

Ich bin kein Opfer der Trennung, ich bin der Grund.

Harter Tobak, wenn man versucht, es ständig allen Recht zu machen, aber dennoch irgendwie nicht das erreicht, was das Gegenüber sich vorstellt. Mittlerweile bin ich jedoch an einem Punkt angelangt, an dem ich die Trennung als eben solche sehe und auch für mich den finalen Schlussstrich gezogen habe. Das Vertrauen ist hinüber, die Hoffnung weg. Wie lange wurde ich belogen? Wie lange wurde ich schon nicht mehr geliebt?

Wozu etwas hinterhertrauen, was nicht mehr ist.

Retrospektiv betrachtet, fallen mir auch mittlerweile immer mehr Punkte auf, die in einer gesunden Beziehung einfach nie hätten sein dürfen. Wenn jemand starr und fest behauptet, eine Mutterrolle eingenommen zu haben, nur weil die Liebe, die man für diese Person empfand, einen dazu brachte, sein Leben komplett zu ändern, ist das nicht nur ein Unding, sondern Arrogant und Egozentrisch und verletzend, dem gegenüber, der durch die Liebe den Anlauf fand, sich zu entwickeln. Statt Anerkennung folgte nur noch Ablehnung. Von der Mutterrolle oder auch die Rolle des Therapeuten wurde gesprochen, ich als Marionette bezeichnet, die nur in Abhängigkeit von dieser Person existieren könne.

In den letzten beiden Jahren habe ich es erduldet, mich beschimpfen zu lassen, mit den Launen einer unberechenbaren Furie klarzukommen, die für jeden Fehltritt meinerseits – sei er auch noch so klein – ein Fass öffnete und mich als Idiot darstellte. Habe ich nicht rechtzeitig heruntergeschaltet, zu stark gebremst, zu langsam aufgeräumt, zu viele Fakten erzählt – oder auch einfach nur gegrübelt – war ich der Idiot, der nichts auf die Reihe bekommt und mal wieder in seiner eigenen Welt lebt.

Im letzten Jahr der Beziehung kamen körperliche Übergriffe hinzu, die man eher in das erste Kindergartenjahr einsortiert hätte, statt in die Beziehung zweier erwachsener Menschen; Kneifen und Beißen. Ersteres in Verbindung mit einem grenzdebilen, grotesken „ich muss mich rächen, du machst mein Leben kaputt“, unterlegt mit einem clownartigen Gelächter. Spätestens, als mein Körper von vielen blauen Flecken vom ständigen Kneifen übersät war, hätte ich zuerst die Reißleine ziehen müssen und merken sollen, dass dieses Verhalten eben keine Form der Liebkosung, sondern eine abgrundtiefe Verachtung darstellte.

Ich hatte schon lange den Wunsch, die Ketten zu sprengen, doch konnte ich mir das nicht eingestehen. Die Angst vor der Trauer, der Einsamkeit, dem Neuanfang und dem Kennenlernen fremder Menschen ließ mich jedoch immer erdulden, was mich innerlich zerstörte. Klar, die Liebe war da. Unbestritten konnte ich dies auch mit meinem Gewissen vereinbaren, dass ich diese Person als Seelenverwandte absolut und uneingeschränkt liebte und ich über viele Missständer duldend hinwegblickte. Auch wenn ich das als Autist sicher nicht so darstellen konnte, wie es ein Nicht-Autist sich wünscht.

Wenn ich eines nun gelernt habe: Liebe ist mehr als einen Menschen in sein Leben zu lassen, ihn als Seelenverwandten zu akzeptieren und mit ihm die kleinste, noch so banale Erfahrung zu teilen, ihn mit Nettigkeiten überhäufen, die man sonst nur für sich selbst aufwenden würde, sich diesem Menschen zu 100% hingeben und ausschließlich auf diese Person zu konzentrieren und alles andere auszublenden. Liebe bedeutet aber auch nicht, jede Form der Erniedrigung zu akzeptieren, nur um dem Gegenüber nicht vor den Kopf zu stoßen. Jedoch erweckt eben dieses Verhalten das Bild einer unselbstständigen Marionette, eines Waschlappen, den man beschimpfen kann.

Ich bin frei.

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der erste Schritt in Richtung Autismustherapie

Viel zu lange habe ich mir nicht eingestehen wollen, dass auch ich eine autismusspezifische Therapie benötige. Warum auch, ich funktioniere doch mittlerweile irgendwie. Und genau das ist der Fehler: sich selbst etwas mit Hilfe des Wortes „Irgendwie“ einzureden, ist nichts anderes, als sich selbst und geliebte Menschen zu betrügen. Irgendwie funktionieren heißt: nicht funktionieren, wenn es drauf ankommt.

Zwar habe ich vor meiner Diagnose etliche Psychiater, Neurologen und Psychologen aufgesucht, doch fand hier nur Psychotherapie zum Umgang mit den Symptomen statt. Depressionen, Angst vor sozialen Konfrontationen, die Unfähigkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.. Zwar halfen mir Gesprächstherapie und Medikamente, aus dem schwarzen Loch der Depressionen empor zu klettern eine Ausbildung zu absolvieren und (gemeinsame) Zukunftspläne zu schmieden, doch was bringt all dass, wenn man von der einen Seelenverwandten erfährt, dass der Autismus längst das zerstörte, wofür man sich einredete, jahrelang gekämpft zu haben: Die Beziehung.

Mit Autismus leben, heißt nicht nur, die Symptome zu bekämpfen. Psychotherapie ist sinnvoll und wichtig, doch wozu der ganze Aufwand, wenn die Fassade dahinter weitern dem schreckhaften Küken gleicht und bei der kleinsten Dissonanz in sich zusammenfällt, man dadurch zudem sinnloserweise den einen Menschen belastet, den man am meisten liebt, für den man eigentlich alles geben sollte? Wie kann ein Mensch das auf Dauer ertragen?

Seit dem mir vor etwas mehr als einem Jahr die Diagnose gestellt wurde, habe ich jegliche Aufforderungen in Richtung Autismustherapie ignoriert und im Keim erstickt. Nun habe ich die Konsequenzen zu tragen.

Mein Einsatz wäre die Autismustherapie, und der Wille an meinem Verhalten zu arbeiten, gewesen. Menschen verstehen, wie sie ein nicht-Autist versteht und lernen, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten um in Konfliktsituation mit seinem Geist umgehen zu können. Auf diesen Einsatz verzichtete ich und habe nun die Rechnung erhalten: Ich stehe vor dem Nichts, die letzten 5 1/2 Jahre wie ausgelöscht. Das alles, weil ich zu geizig und zu stolz war, meinen Einsatz zu leisten. You get, what you pay for…

Durch mich ging ein Ruck, den ich Anfangs in übertriebenen Dosen Psychopharmaka ersticken wollte. Doch mehr als ein knapp 48-stündiges Delirium zwischen Tagträumen und Koma, Kopfschmerzen und Schwindel sowie manisch-depressiven Phasen brachte mir dieser herzlose Versuch, meine Gedanken zu ordnen, nicht. Es wäre ja zu schön, sich auf ein Medikament zu verlassen, dass einem die Arbeit abnimmt. Kämpfen heißt nicht, sich passiv den Fakten hinzugeben, sondern aktiv etwas an seiner Situation zu verändern. Mittlerweile bin ich wieder klar bei Sinnen und habe meine Gedanken niedergeschrieben und sortiert.

Auch wenn es nur die Symptome bekämpft, habe ich mich bei allen behandelnden Ärzten gemeldet und Termine gemacht. Psychotherapie, eventuell eine höhere Medikation, das ganze Programm, wie es mich vor Jahren schoneinmal aus dem schwarzen Loch zog. Doch ist der entscheidende Punkt, dass ich mittlerweile gelernt habe, dass die Ursache das wichtigere Problem ist.

Ich habe das getan, wogegen ich mich seit meiner Diagnose vehement wehrte:

Ich bin bei einem Autismus-Therapie-Zentrum vorstellig geworden. Zwar erst telefonisch, doch erhalte ich in der nächsten Woche einen Termin zu einem Erstgespräch.

Es tut mir so unendlich leid, dass ich diesen Schritt so spät erst gehe..

Es tut mir so unendlich leid, dass ich durch mein Verhalten so viel zerstörte..

 

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