Reflexion einer Misere

Mittlerweile liegt die Trennung drei Wochen zurück und ich schaffe es wieder, so langsam klare Gedanken zu fassen und die ganze Situation zu reflektieren.

Wie kann man einen Menschen, den man sechs Jahre kannte und fünfeinhalb Jahre an seiner Seite hatte, von jetzt auf gleich abschieben? Ihm alle Ablehnung entgegenbringen, die man sich nur vorstellen kann? Ich möchte gar nicht wissen, welch Abneigung sich nun angestaut hat, damit eine derartige Entscheidung so leicht ausgesprochen werden kann.

Ich bin kein Opfer der Trennung, ich bin der Grund.

Harter Tobak, wenn man versucht, es ständig allen Recht zu machen, aber dennoch irgendwie nicht das erreicht, was das Gegenüber sich vorstellt. Mittlerweile bin ich jedoch an einem Punkt angelangt, an dem ich die Trennung als eben solche sehe und auch für mich den finalen Schlussstrich gezogen habe. Das Vertrauen ist hinüber, die Hoffnung weg. Wie lange wurde ich belogen? Wie lange wurde ich schon nicht mehr geliebt?

Wozu etwas hinterhertrauen, was nicht mehr ist.

Retrospektiv betrachtet, fallen mir auch mittlerweile immer mehr Punkte auf, die in einer gesunden Beziehung einfach nie hätten sein dürfen. Wenn jemand starr und fest behauptet, eine Mutterrolle eingenommen zu haben, nur weil die Liebe, die man für diese Person empfand, einen dazu brachte, sein Leben komplett zu ändern, ist das nicht nur ein Unding, sondern Arrogant und Egozentrisch und verletzend, dem gegenüber, der durch die Liebe den Anlauf fand, sich zu entwickeln. Statt Anerkennung folgte nur noch Ablehnung. Von der Mutterrolle oder auch die Rolle des Therapeuten wurde gesprochen, ich als Marionette bezeichnet, die nur in Abhängigkeit von dieser Person existieren könne.

In den letzten beiden Jahren habe ich es erduldet, mich beschimpfen zu lassen, mit den Launen einer unberechenbaren Furie klarzukommen, die für jeden Fehltritt meinerseits – sei er auch noch so klein – ein Fass öffnete und mich als Idiot darstellte. Habe ich nicht rechtzeitig heruntergeschaltet, zu stark gebremst, zu langsam aufgeräumt, zu viele Fakten erzählt – oder auch einfach nur gegrübelt – war ich der Idiot, der nichts auf die Reihe bekommt und mal wieder in seiner eigenen Welt lebt.

Im letzten Jahr der Beziehung kamen körperliche Übergriffe hinzu, die man eher in das erste Kindergartenjahr einsortiert hätte, statt in die Beziehung zweier erwachsener Menschen; Kneifen und Beißen. Ersteres in Verbindung mit einem grenzdebilen, grotesken „ich muss mich rächen, du machst mein Leben kaputt“, unterlegt mit einem clownartigen Gelächter. Spätestens, als mein Körper von vielen blauen Flecken vom ständigen Kneifen übersät war, hätte ich zuerst die Reißleine ziehen müssen und merken sollen, dass dieses Verhalten eben keine Form der Liebkosung, sondern eine abgrundtiefe Verachtung darstellte.

Ich hatte schon lange den Wunsch, die Ketten zu sprengen, doch konnte ich mir das nicht eingestehen. Die Angst vor der Trauer, der Einsamkeit, dem Neuanfang und dem Kennenlernen fremder Menschen ließ mich jedoch immer erdulden, was mich innerlich zerstörte. Klar, die Liebe war da. Unbestritten konnte ich dies auch mit meinem Gewissen vereinbaren, dass ich diese Person als Seelenverwandte absolut und uneingeschränkt liebte und ich über viele Missständer duldend hinwegblickte. Auch wenn ich das als Autist sicher nicht so darstellen konnte, wie es ein Nicht-Autist sich wünscht.

Wenn ich eines nun gelernt habe: Liebe ist mehr als einen Menschen in sein Leben zu lassen, ihn als Seelenverwandten zu akzeptieren und mit ihm die kleinste, noch so banale Erfahrung zu teilen, ihn mit Nettigkeiten überhäufen, die man sonst nur für sich selbst aufwenden würde, sich diesem Menschen zu 100% hingeben und ausschließlich auf diese Person zu konzentrieren und alles andere auszublenden. Liebe bedeutet aber auch nicht, jede Form der Erniedrigung zu akzeptieren, nur um dem Gegenüber nicht vor den Kopf zu stoßen. Jedoch erweckt eben dieses Verhalten das Bild einer unselbstständigen Marionette, eines Waschlappen, den man beschimpfen kann.

Ich bin frei.

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